Navigation: Erst planen, dann wandern

· Jean-Christoph Rouanet

Jean-Christoph Rouanet ist hochgradig sehbehindert und erkundet Wanderwege mit verschiedenen Techniken. Auch in Städten, die ihm unbekannt sind, findet er sich so zurecht. In sein Gepäck gehören immer sein Langstock, Knochenleitkopfhörer – und eine Powerbank.

Vier Personen der DBSV-Wandergruppe gehen im Abstand von einigen Metern   zueinander über eine Wiese einen Hang hoch. Sie tragen Rucksäcke und Langstöcke.
Teilnehmende der DBSV-Wanderwoche.  ·  Bild: Katerina Athanasiadou

Als stark sehbehinderter Mensch erschließe ich mir Wanderwege und Wege in der Stadt nicht nur über den Blick auf Schilder, sondern auch über eine Kombination aus Langstock, Gehör und digitalen Hilfsmitteln. So mache ich unbekannte Strecken für mich planbar und nachvollziehbar.

Bevor ich eine Tour beginne, bereite ich sie am PC vor. Ich verwende für die Planungen von Wanderungen die Outdoor-App Komoot. Über die Website von Komoot habe ich Zugriff auf mein Konto und kann die geplanten Touren dann auf mein Smartphone bzw. an meine Smartwatch übertragen.

Am PC prüfe ich Wegbeschaffenheit, Steigungen und Abzweigungen. Wichtige Punkte auf der Tour speichere ich als Wegpunkte ab. Außerdem habe ich mir bei Komoot das „Welt-Paket“ gekauft und kann so jede Karte auf der Welt herunterladen. So kann ich mich immer orientieren, auch offline. Ich lade die Karte immer vor dem Start der Wanderung herunter, also wenn ich zu Hause noch Empfang habe. Dadurch kann ich mich orientieren, auch wenn ich auf der Wanderung keinen Empfang mit dem Smartphone haben sollte.

App für Fuß- und Wanderwege

Unterwegs arbeite ich mit Komoot, Google Maps und Sprachausgabe über Knochenleitkopfhörer. Für Wanderwege setze ich normalerweise Komoot ein, weil die App Fuß- und Wanderwege kennt und mir eine Sprachnavigation bietet.

Ich habe Ende August an einer Wanderwoche des DBSV teilgenommen, die in Saulgrub stattfand. Wir waren 15 Personen. Jeweils fünf bildeten eine Gruppe. In unserer Gruppe sehbehinderter Personen wurde vor allem die App Komoot verwendet. Wir haben uns gegenseitig geholfen, da nicht immer klar ersichtlich war, wo genau der Weg entlangläuft. Die App ist im Grunde gut, aber manchmal muss man auch etwas suchen, zum Beispiel, wenn der Startpunkt einer Wanderung zwischen zwei Gebäuden liegt. Wir sind mit der App auf jeden Fall gut ans Ziel gekommen.

Mit meinem Restsehvermögen kann ich zum Teil die Wegweiser lesen. Wenn nicht, verwende ich meine Smartphone-Kamera und mache Fotos von den Wegweisern, um sie in Ruhe zu lesen. Dann entscheide ich, wie ich weiter vorgehe. Es ist praktisch, die Handykamera als Lupe zu nutzen, um Schilder bzw. Straßennamen zu erkennen.

Kleiner Schubs in die richtige Richtung

Die sogenannte Live-Hilfe bleibt ein Sicherheitsnetz: Damit ist Hilfe gemeint, wenn ich den Weg nicht finde und keine Wanderer unterwegs sind, die ich etwas fragen kann. Auch bei Unklarheiten mit den Apps ist sie nützlich. In solchen Fällen kann ich über eine App kurz eine sehende Person hinzuziehen, zum Beispiel wenn Apple Karten oder Google Maps mich im Kreis navigieren und ich einen kleinen Schubs in die richtige Richtung benötige.

In der Stadt, wo ich mich auskenne, verwende ich selten eine Navigations-App. Wenn ich mich in einer Stadt aufhalte, wo ich mich nicht auskenne, greife ich auf Google Maps bzw. Komoot zurück und frage Passanten nach dem Weg.

Zu Wanderungen gehört für mich auf jeden Fall eine gewisse Sicherheit, und darum habe ich stets eine Powerbank im Gepäck. Damit kann ich gegebenenfalls den Akku meines Smartphones aufladen.

Meine Knochenleitkopfhörer möchte ich nicht mehr missen, da ich damit immer die Umgebungsgeräusche höre und so den Verkehr mitbekomme, wenn ich wandere. Auch das gibt mir eine gewisse Sicherheit.

Aufs Kombinieren kommt es an

Fazit: Wanderwege und Stadtwege erschließe ich mir, indem ich Planung, digitale Navigation und klassische Orientierungstechniken miteinander verbinde. Apps wie Komoot, MyWay Pro sowie Google Maps oder Apple Maps geben Struktur und machen Ansagen.

Wenn wir den Langstock bzw. Wanderstöcke, unser Gehör, unsere Erfahrung und teilweise die Technik bewusst kombinieren, können sie uns neue Wege eröffnen. So können sehbehinderte und blinde Menschen Wege selbstständig gehen – ohne die entsprechenden Hilfsmittel wäre das nicht möglich. Natürlich wird das Wandern oder das Gehen in der Stadt dadurch nicht automatisch risikofrei, aber es macht uns etwas unabhängiger.

Jean-Christoph Rouanet (53) lebt in Berg (nahe Ravensburg).

Schwerpunktthema: Navigation

Eine Wanderkarte auf Papier oder auf dem Handy lesen – nicht immer einfach. Einen Wegweiser oder ein Straßenschild erkennen und ihm folgen? Ebenso wenig. Wer schlecht oder gar nicht sieht, hat es oft schwer, den richtigen Weg zu finden. In unserem Schwerpunkt erzählen sehbehinderte und blinde Menschen, was ihnen hilft, nicht die Orientierung zu verlieren – oder sie zurückzugewinnen.

  • "Mit Apps, Langstock und vier Sinnen" ist Oliver Nadig unterwegs. Im Interview spricht er von vielfältigen Möglichkeiten, ein Ziel zu erreichen.
  • Eine DBSV-Wanderwoche bietet "viel Raum für Abenteuer". Wie die Vorbereitung aussieht und warum manches trotzdem anders kommt als gedacht.
  • "Erst planen, dann wandern" lautet die Devise von Jean-Christoph Rouanet. Wie er fremde Städte und Wanderwege erkundet und was in seinem Gepäck nie fehlen darf.
  • Yvonne gelangt "im Uhrzeitsystem zum Ziel" und erklärt, wie Navigations-Apps funktionieren, wenn die Wege über Stock und Stein führen.
  • Mit Führhund und Abenteuerlust ist Lisa Mümmler auch in unbekannten Gegenden unterwegs, denn die "KI-Brille hilft auf fremden Wegen".

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