Oliver Nadig ist blind und viel unterwegs. Er ist auf seinen Wegen nicht nur selbst auf Hilfsmittel angewiesen, sondern bringt sie auch anderen näher – als Hilfsmitteltrainer und Mitglied im Gemeinsamen Fachausschuss für Informations- und Telekommunikationssysteme, der dem DBSV angegliedert ist. Seine Antworten auf Fragen rund ums Navigieren zeigen: Es gibt vielfältige Möglichkeiten, ein Ziel zu erreichen – aber es ist auch möglich, mit wenig auszukommen.
Herr Nadig, welche Hilfsmittel nutzen Sie persönlich für die Navigation?
Ein iPhone griffbereit in der Hosentasche, eine KI-Brille Marke Ray-Ban im Rucksack – mehr Mobilitäts-Hardware habe ich neben meinem ständigen Begleiter Langstock gewöhnlich nicht bei mir. Das verwundert diejenigen, die meinen, ein blinder Hilfsmitteltrainer und Mitglied im Gemeinsamen Fachausschuss für Informationstechnologie und Telekommunikationssysteme, kurz FIT, müsse sich täglich wie ein Weihnachtsbaum mit sprechenden, klingenden und vibrierenden Mobilitätshilfen behängen.
Meine Tragekapazität würde das wohl mitmachen, aber mein Gehirn wäre davon hoffnungslos informationsüberflutet. Langstock, Smartphone-Apps und KI-Brille bilden zusammen ein Werkzeug-Set, aus dem ich mich möglichst sparsam bediene.
Wie navigieren Sie durch Ihren Wohnort Marburg?
Die selbstständige Fortbewegung ist ein täglicher Vierkampf, der aus den Disziplinen Hinderniserkennung und Absicherung, Ortsbestimmung und Orientierung, Navigation sowie Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel besteht. Mein Wohnort Marburg, wo ich seit 41 Jahren lebe, macht mir den Umgang mit Hindernissen und das Absichern recht leicht: Es gibt keine E-Scooter und die Mitmenschen sind für die Belange seheingeschränkter Personen überdurchschnittlich sensibilisiert – zumindest habe ich den Eindruck, dass es hier seltener aufstehende Heckklappen, achtlos abgestellte Gegenstände bzw. Fahrräder und falsch geparkte Autos gibt als anderswo auf meinen zahlreichen Dienstreisen.
Über geplante Gerüststellungen und andere Bauvorhaben informiert die Stadt im Vorfeld sehr zuverlässig. Neben meinem Langstock setze ich darum keinen weiteren Hindernismelder für den Kopf- und Oberkörperbereich ein, obwohl es sie in Form von Clips, Kamera- und sogar Helmsystemen in beachtlicher Zahl gibt.
Welche Apps nutzen Sie zur Orientierung?
Meine Favoriten zur Orientierung sind die Apps BlindSquare und Google Maps, die ich allerdings selten auf alltäglichen Wegen nutze. Die Stunde von BlindSquare, das nur für Applegeräte zur Verfügung steht, schlägt zum einen, wenn ich mit unserem Familienhund im Wald unbekanntes Terrain erkunde. Dabei bewegen wir uns in einem Netz selbst erstellter Orientierungspunkte.
Zum anderen leistet die App mir unschätzbare Dienste bei der Vorbereitung auf Dienstreisen, denn Blind-Square erlaubt das „Simulieren“ von Orten. So kann ich mich virtuell an die Adresse des Arbeitsplatzes meiner Klienten oder den Standort eines Hotels beamen und mich dort etwa nach Bäckern und Gaststätten „umsehen“ sowie Entfernungen ermitteln. Stößt BlindSquare an seine Grenzen, springt Google Maps oft hilfreich zur Seite.
Marburg kuschelt sich mit seinen oft kurvenreichen, in der Oberstadt engen Straßen in eine Berglandschaft ein. Auf Bürgersteigen ändern sich Breite und Struktur nicht selten alle paar Meter, es gibt zahlreiche Hinterhöfe und erwartungsgemäß viele Höhenunterschiede. Das macht die Stadt für Apps zu einer navigationstechnischen Herausforderung. Diese wird von Google Maps meiner Meinung nach am besten gemeistert. Mit Apple Karten bin ich persönlich nie richtig warm geworden. Marburg verfügt über das sprechende Fahrgast-Informationssystem „DyFIS Talk“ der Krefelder Firma Lumino. Die App DyFIS Talk nutze ich fast täglich für Busauskünfte.
Arbeiten Sie auch noch mit analogen Hilfen?
In meinem Schrank stehen der tastbare Marburger Stadtplan sowie ein Europa-Atlas des dzb lesen. Beides hole ich zugegebenermaßen selten hervor, freue mich aber über jede aufwendig und mit Liebe zum Detail gestaltete taktile Karte, die ich unter die Finger bekomme. Braille-Beschriftungen an Bahnsteigen und Treppenaufgängen haben mir schon oft in hektischen Situationen geholfen – auch an Bahnhöfen, an denen ich mich eigentlich gut auskenne.
Wie bewerten Sie das Angebot an Hilfsmitteln, die blinden und sehbehinderten Menschen bei der Navigation helfen, quantitativ und qualitativ?
Das Angebot an Mobilitätshilfen ist immerhin so groß, dass ein einzelner Mensch eine Auswahl treffen muss. Technologische Entwicklungen und Fortschritte in der KI werden das Portfolio rasant wachsen lassen. Als Neuling einen Marktüberblick zu gewinnen, ist deshalb nicht einfach, da auf Hilfsmittelmessen Prototypen neben etablierten Produkten gezeigt werden und es schwer sein kann, den persönlichen Nutzen einer Mobilitätshilfe ohne Expertenunterstützung einschätzen zu können.
Vor allem bei Apps sind der erreichbaren Qualität technologische Grenzen gesetzt. So ist Satelliten-Navigation auch mit unterstützenden Technologien in Großstädten nicht beliebig genau. Für Innenräume hat sich noch kein flächendeckend verfügbares Informationssystem herauskristallisiert; aus dem Bild einer Smartphone-Kamera lassen sich Informationen über räumliche Tiefe und Entfernungen nur in eingeschränkter Genauigkeit gewinnen. Optische Kameras sind auf ausreichende Beleuchtung angewiesen, laser-gestützte Hinderniserkenner sind bei Regen und Schnee nur bedingt einsatzfähig. Bei der Entwicklung ist qualitativ also durchaus noch viel Luft nach oben.
Welche Apps oder andere Dinge, die der Navigation dienen, hält der Fachausschuss für Informationstechnologie für gut?
Je nachdem, ob eine App primär der Hinderniserkennung, der Orientierung, der Navigation oder der Verkehrsinformation dient, muss sie unterschiedliche Qualitätskriterien erfüllen. Bei der Hinderniserkennung kommt es auf Richtungsgenauigkeit, Schnelligkeit bei der Informationsverarbeitung und darauf an, dass möglichst keine falschen Alarme ausgelöst werden. In Kombination mit den smarten Meta-Brillen schicken sich die drei Apps OOrion, ScribeMe und Visionauta an, diese Anforderungen in naher Zukunft zu erfüllen.
Bei Orientierung und Navigation ist aktuelles, für die Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Menschen aufbereitetes Kartenmaterial und eine leichte Bedienbarkeit der Apps entscheidend. Hier machen die drei Orientierungsklassiker BlindSquare, VoiceVista und Myway Pro eine gute Figur. Der DB-Navigator ist ein Musthave bezüglich Fahrplanauskunft bei der Deutschen Bahn, obwohl die Komplexität der App häufig nichts für schwache Nerven ist, wenn man sich eine Auskunft blitzschnell heraussuchen muss.
Gibt es digitale Reliefkarten oder etwas in der Art?
Mit Apple Karten und Ariadne GPS gibt es zwei Smartphone-Apps, die tatsächlich auch Finger-Erkundung auf dem Touchscreen unterstützen – freilich ohne dass sich dort etwas tasten lässt. Sich auf diesen virtuellen Landkarten Straßenverläufe und Mobilitätsbeziehungen zu erarbeiten ist allerdings zeit- und konzentrationsaufwendig.
Können Sie Menschen einen Rat in Bezug auf Navigation geben, die sich nicht gut mit Smartphones und digitalen Hilfen überhaupt auskennen?
Das Erlernen einer Orientierungs- oder Navigations-App könnte ein Ansporn sein, sich von einer qualifizierten Person in den Gebrauch eines Smartphones einweisen zu lassen. Wenn man derlei komplexe Hilfsmittel allerdings nicht bedienen kann oder möchte, gibt es immer noch elektronische Navigationshilfen, die sich ganz oder weitgehend ohne App bedienen lassen. Ich denke an den Feelspace-Navigürtel, an einen klassischen Hindernismelder in Clip-Form oder den Einsatz des smarten Blindenstocks WeWALK.
Ohne eine gewisse Bereitschaft, Technik zu nutzen, bleibt man allerdings auf die traditionell analogen Hilfen angewiesen, die ja in Form des Langstocks, des Führhundes, der eigenen vier Sinne und dem Mund zum Fragen nichts an Bedeutung eingebüßt haben.
Hinweis: Von den genannten Apps stehen folgende nur für iPhones, also das Betriebssystem iOS, zur Verfügung: Apple Karten, Ariadne GPS, BlindSquare, OOrion, VoiceVista. Die Apps ScribeMe, Visionauta, Google Maps, der DB-Navigator und DyFIS Talk sind auch für Android-Geräte verfügbar.
Schwerpunktthema: Navigation
Eine Wanderkarte auf Papier oder auf dem Handy lesen – nicht immer einfach. Einen Wegweiser oder ein Straßenschild erkennen und ihm folgen? Ebenso wenig. Wer schlecht oder gar nicht sieht, hat es oft schwer, den richtigen Weg zu finden. In unserem Schwerpunkt erzählen sehbehinderte und blinde Menschen, was ihnen hilft, nicht die Orientierung zu verlieren – oder sie zurückzugewinnen.
- "Mit Apps, Langstock und vier Sinnen" ist Oliver Nadig unterwegs. Im Interview spricht er von vielfältigen Möglichkeiten, ein Ziel zu erreichen.
- Eine DBSV-Wanderwoche bietet "viel Raum für Abenteuer". Wie die Vorbereitung aussieht und warum manches trotzdem anders kommt als gedacht.
- "Erst planen, dann wandern" lautet die Devise von Jean-Christoph Rouanet. Wie er fremde Städte und Wanderwege erkundet und was in seinem Gepäck nie fehlen darf.
- Yvonne gelangt "im Uhrzeitsystem zum Ziel" und erklärt, wie Navigations-Apps funktionieren, wenn die Wege über Stock und Stein führen.
- Mit Führhund und Abenteuerlust ist Lisa Mümmler auch in unbekannten Gegenden unterwegs, denn die "KI-Brille hilft auf fremden Wegen".