Navigation: Im Uhrzeitsystem zum Ziel

· Yvonne Bühr

Wie gut funktionieren Navigations-Apps für blinde Menschen, wenn der Weg nicht über Straßen und Gehwege, sondern über Stock und Stein führt? Yvonne Bühr hat es während einer vom DBSV organisierten Wanderwoche in Saulgrub ausprobiert.

Zwei Frauen sitzen an einem Holztisch und studieren mit den Fingern je eine Wanderkarte in Braille. Die Frau links ist Yvonne Bühr. Sie hat langes dunkles Haar.
Yvonne Bühr  ·  Bild: Katerina Athanasiadou

Eine Woche Wandern rund um Saulgrub im bayerischen Ammertal: Das klang spannend, und so meldete ich mich als blinde Teilnehmerin an. Wir wurden in Gruppen aufgeteilt, zu denen jeweils entweder blinde oder sehbehinderte Teilnehmende gehörten, da sehbehinderte Menschen anders und meist auch schneller navigieren.

Unsere Aufgabe war es, einen bestimmten Wanderweg möglichst selbstständig zu finden und zu erwandern. Die sehende Begleitung sollte nur eingreifen, wenn Gefahr drohte oder wir ausdrücklich um Hilfe baten. Ansonsten hieß es: Langstock und Smartphone raus und los geht’s!

Zum Einsatz kamen die Apps Komoot, MyWay Pro und Seeing Assistant Go. Ich habe alle drei Apps miteinander kombiniert. An Komoot mochte ich besonders die klaren Navigationsanweisungen. Allerdings ist die App mit Screenreader nicht optimal zu bedienen und liefert weniger und seltener Informationen als spezielle Navigations-Apps für blinde Menschen.

Das wurde besonders deutlich, wenn zwei Wege fast parallel verliefen. Bogen wir in den falschen ein, erkannte Komoot das nicht unbedingt sofort, weil wir uns weiterhin sehr nah an der eigentlichen Route befanden. Sehende können auf der Karte erkennen, dass der richtige Weg direkt daneben verläuft. Mit Screenreader lässt sich diese visuelle Information jedoch nicht ohne Weiteres erfassen.

MyWay Pro gefällt mir vor allem, weil die App Punkte in Laufrichtung ansagt und dabei das Uhrzeitsystem verwendet. Während der Wanderungen blieb sie allerdings häufiger an einem Wegpunkt hängen. Dann musste ich den nächsten Punkt von Hand auswählen, bevor die Navigation wieder automatisch weiterlief.

Seeing Assistant Go lieferte mehr Informationen und fing sich bei Navigationsproblemen meist selbstständig wieder. Etwas gewöhnungsbedürftig fand ich, dass die App bei Richtungsangaben gern zwischen Himmelsrichtungen und dem Uhrzeitsystem wechselte.

Die eigentliche Herausforderung begann aber dort, wo kaum noch ein Weg zu erkennen war. Teilweise mussten wir mit dem Langstock überwachsene Trampelpfade finden, über Wurzeln steigen und uns über Stock und Stein vorarbeiten. Einmal führte der Weg sogar über einen Baumstamm, der über einem breiteren Wasserloch lag. Jeder fand auf seine eigene Weise hinüber – und am Ende kamen alle auf der anderen Seite an.

Im Alltag würde ich mich nicht unbedingt allein mit Langstock und Smartphone durch solche Waldwege kämpfen. In der Gruppe hat es dagegen riesigen Spaß gemacht. Jeder fand mal einen Weg, den die anderen nicht fanden.

Die perfekte Navigations-App habe ich in dieser Woche nicht gefunden. Jede hatte ihre Stärken und Schwächen, und für mich funktionierte gerade die Kombination gut. Aber darum ging es am Ende fast gar nicht mehr. Wir haben Wege gesucht, uns verlaufen, wieder zurückgefunden, sind über Wurzeln und Baumstämme geklettert – und hatten dabei jede Menge Spaß. Für mich war die Wanderwoche einfach ein richtig schönes Abenteuer.

Yvonne Bühr (50) lebt in Marburg.

Schwerpunktthema: Navigation

Eine Wanderkarte auf Papier oder auf dem Handy lesen – nicht immer einfach. Einen Wegweiser oder ein Straßenschild erkennen und ihm folgen? Ebenso wenig. Wer schlecht oder gar nicht sieht, hat es oft schwer, den richtigen Weg zu finden. In unserem Schwerpunkt erzählen sehbehinderte und blinde Menschen, was ihnen hilft, nicht die Orientierung zu verlieren – oder sie zurückzugewinnen.

  • "Mit Apps, Langstock und vier Sinnen" ist Oliver Nadig unterwegs. Im Interview spricht er von vielfältigen Möglichkeiten, ein Ziel zu erreichen.
  • Eine DBSV-Wanderwoche bietet "viel Raum für Abenteuer". Wie die Vorbereitung aussieht und warum manches trotzdem anders kommt als gedacht.
  • "Erst planen, dann wandern" lautet die Devise von Jean-Christoph Rouanet. Wie er fremde Städte und Wanderwege erkundet und was in seinem Gepäck nie fehlen darf.
  • Yvonne gelangt "im Uhrzeitsystem zum Ziel" und erklärt, wie Navigations-Apps funktionieren, wenn die Wege über Stock und Stein führen.
  • Mit Führhund und Abenteuerlust ist Lisa Mümmler auch in unbekannten Gegenden unterwegs, denn die "KI-Brille hilft auf fremden Wegen".

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