Hans-Werner Lange ist wieder zum Präsidenten des DBSV gewählt worden. Mit fast hundert Prozent der Stimmen sprachen ihm die Delegierten beim Verbandstag im Juni in Berlin ihr Vertrauen aus. Im Interview beschreibt Lange den Kurs, den der Verband in den nächsten vier Jahren und darüber hinaus nehmen soll. Wichtig ist ihm dabei: den Weg gemeinsam mit den Mitgliedsorganisationen zu gehen.
Herr Lange, Sie sind erneut mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten des DBSV gewählt worden. Sie hatten keinen Gegenkandidaten. Hätten Sie sich einen gewünscht?
Hans-Werner Lange: In der Demokratie gehört es natürlich dazu, dass es auch einen Gegenkandidaten geben sollte. In diesem Fall habe ich mir gesagt, dass es ein Zeichen dafür ist, dass die Landesvereine und die korporativen Mitglieder des DBSV mit der Arbeit, die ich als Präsident zu verantworten habe, zufrieden sind und der Wunsch nach einem Gegenkandidaten hintanstand. Das Ergebnis hat mir Rückenwind gegeben – bei mehr als 96 Prozent lächelt man ja schon ein bisschen. Das Ergebnis wirft letztlich auch ein Licht auf das gesamte DBSV-Team.
Ein Team wird nun auch das neue Präsidium bilden, und darin sind nun mehr Frauen als Männer vertreten. Was sagen Sie zum neuen Präsidium? hat sich das Projekt dann entwickelt?
Hans-Werner Lange: Ich arbeite ja mein Leben lang im sozialen Umfeld und hatte eigentlich immer mehr mit Frauen als mit Männern zu tun. Die weibliche Sicht auf die Dinge ist oft eine andere als die männliche, und es ist gut, wenn es beide Sichtweisen gibt. Das wird das Präsidium bereichern.
Da das Präsidium nun auch jünger ist, haben wir eine gute Chance, noch mehr in die Jugendarbeit zu investieren und das auch glaubwürdig. Das Manko, das wir beim letzten Mal hatten, dass niemand mit Sehbehinderung im Präsidium war, haben die Wählerinnen und Wähler nun auch behoben.
Wir sind gut aufgestellt und müssen nun zusammenfinden. Ich bin da sehr zuversichtlich für die nächsten vier Jahre.
Haben Sie als Präsident sich etwas Bestimmtes vorgenommen für die kommenden vier Jahre?
Hans-Werner Lange: Es ist mir sehr wichtig, den Zusammenhalt in der Organisation weiterhin zu verbessern und zu stärken. Da haben wir in den vergangenen vier Jahren eine Menge erreicht über die Paten aus dem Präsidium, die für einzelne Landesverbände oder Mitgliedsorganisationen zuständig sind.
Ich habe mich persönlich sehr darum bemüht, wenn irgend möglich, zu den Landesverbänden zu fahren und zu hören, welche Sorgen sie haben. Wir schätzen die Arbeit der Landesverbände oft zu gering. Wenn ich mir anschaue, was selbst kleinere Organisationen auf die Beine stellen, wie viel Ehrenamtlichkeit, wie viel Know-how, wie viel Herzblut sie in die Weiterentwicklung der Selbsthilfe stecken, ist das aller Ehren wert. Das müssen wir ihnen als DBSV auch immer wieder mal sagen.
Meine Aufgabe soll es sein, die Menschen in dem, was sie tun, zu bestärken, sie mitzunehmen auf dem gemeinsamen Weg und das Vertrauen, das dazu notwendig ist, zu stärken. Das Fördern des Miteinanders ist die Aufgabe, die mir als Präsident zufällt, und dafür will ich mich weiterhin einsetzen.
Welche Themen wird das neue Präsidium besprechen, wenn es sich im September erstmals trifft?
Hans-Werner Lange: Das Wichtigste ist erst einmal zu sehen, wo jedes Präsidiumsmitglied seine Neigung hat. Wie können wir die Fähigkeiten so für unsere Arbeit nutzen, dass wir unsere Ressourcen bestmöglich für den DBSV einsetzen? In der konstituierenden Sitzung werden wir also vor allem die Aufgaben verteilen. Wir werden zum Beispiel überlegen, wie wir die Paten für die Landesvereine aus dem Präsidium teilweise neu einsetzen. Ebenso werden wir die Zeit nach 2030 in den Fokus nehmen und schauen, wo es Schnittstellen gibt, um die Arbeit effektiver zu gestalten.
Wie geht es mit dem Prozess „DBSV 2030“ weiter?
Hans-Werner Lange: Der Prozess „DBSV 2030“ liegt mir sehr am Herzen. Auch die Jahre danach werden uns große Herausforderungen bringen. Da geht es um die Größe der Verbände. Wir werden uns Gedanken darüber machen, wie wir unsere Ressourcen und unser Know-how nutzen. Kleinere Vereine haben weniger davon, darum werden wir lernen müssen, über Ländergrenzen hinwegzudenken, vielleicht auch Strukturen komplett zu überdenken. Ein Bundesverband muss lange arbeiten, um das Schiff auf einen anderen Kurs zu bringen, wenn es sein muss. Das gelingt nur, wenn man sich gegenseitig vertraut.
Welche weiteren Themen stehen an?
Hans-Werner Lange: Ein Thema ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Selbsthilfe. Wie kann unsere Beratung oder Verwaltung dadurch gestärkt werden? Wie können wir KI nutzen, um Veranstaltungen zu organisieren?
Ein weiteres wichtiges Thema ist Barrierefreiheit. Es hat sich auch durch den gesamten Verbandstag gezogen. Barrierefreiheit ist die elementarste Voraussetzung für eine inklusive Gesellschaft. Daran arbeiten wir als Verband mit vielen anderen Akteuren zusammen. Intensiv werden wir uns auch mit der Sozialstaatsreform beschäftigen. Wir müssen eine Menge Bretter bohren.
Beim Verbandstag wurde auch über die Sozialstaatsreform gesprochen. Welche Befürchtungen gibt es, und was kann der Verband tun, damit sie sich nicht bewahrheiten?
Hans-Werner Lange: Es geht um die Reformen im Gesundheitswesen, in der Pflege und bei der Rente. Veränderungen an sich sind nicht schlecht, aber man muss schauen, wie die Lasten verteilt sind, wenn es zu diesen Reformen kommt.
Menschen mit Behinderung könnten über die allgemeinen Sozialstaatsreformen hinaus belastet werden, denn sie müssen all das mittragen, was in den anderen Reformen nötig ist. Zudem sind sie von der Reform der Eingliederungshilfe und der Kinder- und Jugendhilfe betroffen.
Unsere Aufgabe ist es hinzusehen, zu welchen zusätzlichen Belastungen es kommt. Wir müssen uns lautstark zu Wort melden und sagen: Hier werden die Belastungsgrenzen so verschoben, dass bei behinderten Menschen eventuell die Grenze des Zumutbaren überschritten wird. Das wird schwierig werden in einer Zeit, in der behinderte Menschen oft als Kostenfaktor gesehen werden. Wir werden dagegenhalten.
Viele Gastrednerinnen und -redner haben beim Verbandstag gesprochen. Die prominenteste unter ihnen war die Bundesministerin für Arbeit und Soziales Bärbel Bas. Auch Heike Heubach, Verena Bentele, Jürgen Dusel und weitere waren da. Welche Rede hat Sie am meisten beeindruckt?
Hans-Werner Lange: Spannend war natürlich das, was Bärbel Bas gesagt hat. Viele haben gemerkt, da steht nicht unsere Gegnerin am Rednerpult, sondern eine Arbeits- und Sozialministerin, die sich für viele Werte einsetzen will, obwohl es von Seiten anderer politisch Verantwortlicher durchaus Gegenwind gibt. Sie kann, glaube ich, nachvollziehen, wo unsere Sorgen und Nöte sind.
Bei den Rednerinnen und Rednern insgesamt war ich erfreut darüber, wie die Arbeit des DBSV und seine Rolle im politischen Kontext gesehen werden. Wir sind gut vernetzt und werden als Gesprächspartner in den Ministerien, die für uns wichtig sind, wahrgenommen und ernstgenommen. Ich möchte keinen Redner hervorheben, sondern finde, es ist sehr gut rausgekommen, wo wir im Augenblick gemeinsame Sorgen und wo wir Verbündete an unserer Seite haben.
Wie haben Sie persönlich den Verbandstag erlebt?
Hans-Werner Lange: Insgesamt ist alles super gelaufen. Der Verbandstag fand diesmal in einem anderen Hotel statt als sonst. Die Rahmenbedingungen waren ausgezeichnet, wir hatten Platz, die Technik hat funktioniert. Eine Riesenherausforderung war die Hitze. Wir hatten etwas Angst, was sie mit den Menschen macht. Das Programm hat allen etwas geboten. Wir haben uns viel mit technischen Fragen auseinandergesetzt, zum Beispiel, wie es in der Hilfsmittelentwicklung weitergeht.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist das Miteinander. Es gab viel Verbundenheit über Verbandsgrenzen hinweg. Die Menschen haben die wenige freie Zeit zwischen den Tagesordnungspunkten und am Abend genutzt, um sich auszutauschen. Der Verbandstag hat etwas mit den Menschen gemacht. Ich habe hinterher von vielen gehört, wie toll es war, sich mal drei Tage intensiv um die Weiterentwicklung unserer Organisation kümmern zu können.
Das hat den Zusammenhalt intensiv gefördert. Viele gehen mit neuem Mut an die zukünftige Arbeit. Das gibt uns die Stärke, die anstehenden Aufgaben gemeinsam zu bewältigen. Wir sind auf dem richtigen Weg und uns muss nicht bange sein, wenn es darum geht, die Zukunft zu gestalten.