Nach einem schweren Autounfall, durch den er erblindete, eroberte sich Stephan Dietrich sein Leben Stück für Stück zurück. Er lernte Techniken kennen, die ihm im Alltag helfen und stellt sie in seinem Blog Blindfuchs.de vor. In Schulen erzählt er Kindern und Jugendlichen davon. Was ihn erdet und warum sich sein Leben heute voll und lebendig anfühlt, berichtet er im folgenden Beitrag.
Ich war 18, KFZ-Mechatroniker mit Herz und Seele. Motoren, Werkzeuge, der Geruch von Öl – das war meine Welt. Blind zu sein konnte ich mir nicht vorstellen. Dann kam 2006 der Autounfall. Wie so oft war ich zu schnell und zu unvorsichtig unterwegs gewesen. Ich erlitt etliche Knochenbrüche, und infolge einer sehr starken Gehirnerschütterung wurde der Sehnerv abgedrückt. Die Knochenbrüche verheilten wieder und nach Physiotherapie merke ich davon inzwischen nichts mehr. Doch mein Sehvermögen war von einem Tag auf den anderen weg.
Der Unfall riss mich aus dem Leben, das ich kannte. In den ersten Monaten haben mich vor allem meine Familie und meine Freunde getragen. Ohne sie hätte ich den Boden unter den Füßen verloren. Im Berufsförderungswerk Würzburg fand ich weiteren Halt.
Dort lernte ich die Brailleschrift und die Braillezeile, den Langstock und den Screenreader kennen. Vor allem aber lernte ich, den Alltag neu anzupacken: Kochen, Ordnung halten, mich in fremder Umgebung zurechtfinden.
„Ich kann selbst wählen“
Ein Moment hat sich besonders eingebrannt. Ich saß in einem Restaurant und las die Speisekarte selbst – in Braille. Meine Finger glitten über die Punkte und plötzlich wurde mir klar: Ich kann selbst wählen. Ich bin wieder unabhängig und nicht auf andere angewiesen.
Die Gemeinschaft mit den anderen Teilnehmern im Berufsförderungswerk war genauso wichtig. Wir halfen uns, lachten und bauten Stück für Stück Selbstvertrauen auf. Nach der Grundreha folgte die Ausbildung zum Informatikkaufmann. Technik und kaufmännisches Denken lagen mir – und öffneten mir den Weg zurück ins Berufsleben.
Ein Jobangebot brachte mich nach München. Was als temporärer Aufenthalt begann, wurde zu einem neuen Leben. Mein Blindenführhund Denny eroberte mit mir die Stadt. Als er in den Ruhestand ging, war der Abschied schwerer, als ich gedacht hatte.
Alma übernahm und brachte ihren ganz eigenen Charakter mit. Konzentriert, zuverlässig und gleichzeitig verspielt. Wenn sie morgens das Rascheln ihres Führgeschirrs hört, wird sie sofort wach, wedelt mit dem Schwanz und schaut mich an, als wolle sie sagen: Los, es geht weiter. Gemeinsam meistern wir den Berufsverkehr, finden Ampeln, Türen und freie Wege. Sie ist weit mehr als ein Hilfsmittel. Sie ist Partnerin und oft die, die mich zum Lachen bringt, wenn der Tag gerade zäh ist.
Technik öffnet Räume
Technik ist für mich der Schlüssel zur Selbstbestimmung. Ich teste zum Beispiel Apps, Hilfsmittel, Saugroboter und vieles mehr – nicht aus Spielerei, sondern weil sie mir Räume öffnen, die sonst verschlossen blieben. Daraus ist mein Blog Blindfuchs.de entstanden.
Was als kleines Hobbyprojekt begann, ist seit mehr als zwölf Jahren eine Plattform, auf der ich über den Alltag als blinder Mensch schreibe. Manchmal über ernste Themen wie Zutrittsrechte für Führhunde, manchmal über ganz praktische Dinge wie unterschiedliche Tandem-Bauformen oder den Adventskalender in Braille, den meine Freundin für mich gebastelt hat. Der Blog verbindet mich mit Menschen und lässt mich gleichzeitig von ihren Rückmeldungen lernen. Sport gibt mir den Ausgleich, den ich brauche.
Mit meiner Freundin und unseren Hunden wandere ich gern. Der Geruch von Wald und Erde, das gleichmäßige Gehen, das gemeinsame Unterwegs-sein – das bringt mich zur Ruhe. Im Winter laufe ich Skilanglauf. Die parallelen Spuren unter den Skiern und der Rhythmus der Stöcke sind für mich pure Freiheit.
Und dann ist da Showdown, ein dem Tischtennis ähnlicher Sport speziell für blinde und sehbehinderte Menschen. Ich spiele selbst und leite die Gruppe in München. Es begeistert mich, anderen den Zugang zu ermöglichen und zu sehen, wie viel Spaß und Gemeinschaft dabei entstehen.
Berührende Momente
Auch beim Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund bin ich aktiv. Ich besuche Schulen und erzähle Kindern und Jugendlichen, wie mein Alltag aussieht, was ein Führhund leistet und warum Barrierefreiheit keine Kür, sondern Pflicht ist. Die Fragen der Schülerinnen und Schüler sind oft direkt und ehrlich – genau das schätze ich.
Als Referent für Führhundangelegenheiten setze ich mich dafür ein, dass Assistenzhunde-Teams ihre Rechte tatsächlich wahrnehmen können. Immer wieder werden wir abgewiesen, obwohl die Rechtslage klar ist.
Solche Situationen fordern heraus. Sie bestärken mich aber auch. Mein Alltag ist voller kleiner Herausforderungen und stiller Siege. Die richtige Bahnsteigkante finden, eine neue App verstehen, Alma pflegen, kochen. Vieles braucht Planung und Aufmerksamkeit. Gleichzeitig gibt es Momente, die mich tief berühren: die spontane Hilfe eines Passanten, die Begeisterung von Kindern, wenn sie Alma streicheln dürfen, oder das Gefühl, nach einer langen Wanderung oder einer Showdown-Runde erschöpft und zufrieden auf dem Sofa zu sitzen.
Ein fester Anker
Manchmal vermisse ich die Selbstverständlichkeit, mit der ich früher einfach loslaufen konnte – ohne nachzudenken, ohne Planung. Und ich merke, dass die Infrastruktur in manchen Bereichen noch Lücken hat.
Doch ich erlebe auch viel Offenheit. Menschen sprechen mich an, fragen nach Alma oder wollen wissen, wie das mit dem Smartphone funktioniert. Diese Gespräche öffnen Türen. Meine Freundin ist ein fester Anker in diesem Leben. Sie unterstützt mich nicht nur praktisch, sondern gibt mir das Gefühl, dass wir den Alltag gemeinsam gestalten – mit Leichtigkeit und Vertrauen.
Die Verbindungen in meine Heimat halten mich geerdet. Der Unfall 2006 war ein harter Einschnitt. Er hat mir aber auch gezeigt, wie anpassungsfähig man sein kann. Mit Alma an meiner Seite, mit Sport, Engagement und Technik, die mir Türen öffnet, fühlt sich mein Leben heute voll und lebendig an. Ich kann den Wind nicht ändern – aber ich kann die Segel anders setzen. Und genau das mache ich jeden Tag.