Eine Vorstellung wie aus einem Science-Fiction-Film: Ein Roboter begleitet eine blinde Person und führt sie sicher ans Ziel. Nein, keine Science-Fiction, sagt DBSV-Präsidiumsmitglied Andrea Katemann – in den USA ist ein solches Gerät bereits auf dem Markt. Die Leiterin der Deutschen Blinden-Bibliothek beschäftigt sich beruflich und privat mit Künstlicher Intelligenz und Robotik. Im Interview stellt sie weitere Konzepte vor.
Frau Katemann, Sie haben beim Verbandstag in Berlin vier Modelle von Robotern vorgestellt, die mit Künstlicher Intelligenz arbeiten und einmal als Führhilfe für blinde und sehbehinderte Menschen dienen könnten. Wie sehen die beiden vielversprechendsten Modelle aus?
Das vielversprechendste Modell kommt aus den USA – es handelt sich um ein ein bis anderthalb Kilo schweres Gerät. Ein blinder Ingenieur hat es entwickelt. Die Firma heißt Glidance, und der Roboter heißt Glide – „to glide“ heißt auf Deutsch „gleiten“.
Diese Führhilfe, wie sie bezeichnet wird, gleitet vor einem her, wobei man sie selbst schiebt. Die Räder dieses Modells haben ein Blockiersystem beziehungsweise ein Zulasssystem. Das heißt, wenn man nach links gehen möchte, lenkt das Gerät einen sanft nach links, und wenn man nach rechts gehen möchte, lenkt es einen sanft nach rechts. Auf diese Weise führt es einen auch um Hindernisse herum. Das ist die Idee, und es scheint gut zu klappen, denn es ist bereits in einer ersten kleinen Serie auf den Markt gekommen. Ich vermute, es wird bald in die größere Produktion gehen und irgendwann möglicherweise nach Europa gelangen.
Wie sieht das zweite vielversprechende Konzept aus?
Das zweite Konzept wurde von einer studentischen Initiative an der Hochschule in Kaiserslautern entwickelt und ähnelt dem aus den USA. Das Gerät soll rund zwei Kilo wiegen, klein sein und ebenfalls vor einer Person herfahren.
Das Modell aus den USA ist für jegliche Art von Situationen im Straßenverkehr konzipiert. Das Entwicklungsteam geht davon aus, dass man mit dem Gerät Straßen überquert, an Kreuzungen kommt und schwierige Situationen, etwa vor Restaurants, entstehen. Das Gerät soll dann um Tische und Stühle herumführen. Treppen erkennt es auch.
Das Gerät aus Kaiserslautern ist zunächst für große unübersichtliche Gelände gedacht, die man sich schwer bis gar nicht erschließen kann, zum Beispiel Klinik- oder Universitätsgelände. Da wird im ersten Schritt natürlich weniger auf Situationen im Straßenverkehr hin programmiert. Die Entwicklung soll aber weitergehen.
Und was hat es mit den beiden anderen Modellen auf sich?
Ein Modell kommt aus Hamburg, ein anderes aus Braunschweig – beide sind relativ schwer. Sie wiegen zwischen 25 und 40 Kilo, man möchte beinahe sagen, es sind Fahrzeuge. Die kann man nicht mal eben eine Treppe hoch- oder runtertragen. Und was macht man, wenn der Akku leer ist? Das ist bei den kleinen Geräten kein großes Problem, die kann man tragen, aber mit den großen Geräten steht man möglicherweise irgendwann in der Landschaft und kommt nicht weiter. Das wäre für mich schon der erste Haken an der Sache. Die Konzepte aus Deutschland mit den größeren Geräten sind also überhaupt noch nicht marktreif, und ich halte es für fraglich, ob sie es jemals werden. Ich selbst bin zwar offen für technische Dinge, möchte mir aber nicht unbedingt so ein großes „Fahrzeug“ anschaffen. Ich möchte eher ein kleines handliches Gerät haben.
Wie funktioniert ein Führroboter praktisch? Muss ich ihn mit meinem Smartphone verbinden, eine Route eingeben und möglicherweise auch noch meinen Langstock verwenden?
Bei dem in den USA entwickelten Führroboter kann man den Langstock in eine Schlaufe stecken und hervorziehen, wenn man sich irgendwo unsicher ist. Man verbindet das Gerät mit dem Smartphone und kann ihm bestimmte Routen beibringen oder solche, die man täglich geht, speichern, zum Beispiel den Arbeitsweg oder den Weg zum Bäcker. Geplant ist jedoch auch, dass man unbekannte Wege über Navigationskarten eingibt – beispielsweise über Google Maps oder Open Street View.
Mich persönlich reizt daran besonders das Thema Kreuzungen. Auch mit einer Navigationsapp kann es an einer Kreuzung, die man gar nicht kennt, schwierig werden. Da kann es hilfreich sein, wenn das Gerät eine Richtung zeigen kann. Es ist natürlich mit Kameras und mit Sprachkommunikationstechnik ausgestattet. Es kommt jedoch auch darauf an, wie genau die jeweiligen Kartendaten sind. Ebenso spielt es eine Rolle, wie gut das Gerät und das Smartphone den jeweiligen Standort erkennen. Es müssen verschiedene Komponenten ineinandergreifen, und man wird beobachten müssen, wie gut das insbesondere am Anfang mit unbekannten Routen funktioniert. Da bin ich sehr gespannt drauf.
Sehen die Roboter oder die Geräte, an denen gearbeitet wird, denn typisch roboterhaft aus oder versucht man, sie etwas schöner zu gestalten?
Das Gerät namens Glide aus den USA hat einen teleskopartigen Griff, den man ein- und ausklappen kann. Es besitzt keine nachgebildete Hand, sondern einen Führgriff, mit dem man das Gerät auf seine Bedürfnisse anpassen kann, etwa auf die Körpergröße. Ansonsten gleitet es vor einem her, und man kann das Tempo zu jedem Zeitpunkt selbst bestimmen – das finde ich sehr entscheidend. Sobald man langsamer wird, verlangsamt sich auch das Gerät, und sobald man schneller gehen möchte, geht auch das Gerät schneller.
Wichtig ist auch folgender Punkt: Das Gerät kann einen an eine Ampel führen, aber die Entscheidung, ob ich die Straße überqueren möchte oder nicht, treffe ich selbst und niemals das Gerät. Das gilt auch für Zebrastreifen, Kreuzungen und so weiter. Ich persönlich finde das sehr gut und richtig. Es hat natürlich auch mit Haftungsfragen zu tun. Es ist juristisch sicher einfacher, wenn die Entscheidungskompetenz bei einer nutzenden Person liegt anstatt bei dem Gerät.
Trotz der Entscheidungsfreiheit erkennt das Gerät Hindernisse und könnte mich auch gegen meinen Willen daran vorbeiführen, oder?
Ja, das kann es. Es führt einen an Hindernissen vorbei und blockiert massiv die Räder, wenn man doch darauf zugeht. Am Anfang soll es wohl schwierig gewesen sein, das Gerät so zu trainieren, dass es Bodenhindernisse wie Stufen und Kanten exakt zu unterscheiden lernt. Es ist ja ein Unterschied, ob ich eine kleine Kante vor mir habe, eine Stufe oder eine Treppe. Bei einer Treppe soll das Gerät im Idealfall erkennen, ob es einen Handlauf gibt. Es positioniert die führende Person dann so, dass sie den Handlauf fassen kann.
Gibt es schon Überlegungen, ob die Krankenkassen solche Führroboter bezahlen würden?
Wir sind in Deutschland überhaupt noch nicht bei irgendeiner Art von Markteinführungsdiskussion. Leider war die US-Firma Glidance auch noch nicht auf der SightCity. Vielleicht kommt sie ja im nächsten Jahr auf die Fachmesse, sodass man mal eine kürzere Strecke mit dem Gerät laufen kann.
Viele Menschen vertrauen vielleicht einem Führhund mehr als einem Roboter. Nun machen technische Geräte Fehler, Hunde aber auch. Kann man wirklich dem einen mehr vertrauen als dem anderen?
Das hängt, glaube ich, ein bisschen von der persönlichen Vorliebe einerseits, und von der Situation andererseits ab. Für mich gibt es momentan noch klare Grenzen. Ich würde zurzeit mit einem solchen Gerät nicht U-Bahn fahren, weil ich Bedenken hätte, dass es den Standort nicht gut erkennt oder seine Kamera möglicherweise Schwierigkeiten mit der Beleuchtung an einer U-Bahn-Haltestelle hat. Dort sind viele Menschen, Gleise auf beiden Seiten, und Wagen fahren schnell ein und aus. Das erscheint mir recht komplex.
Ich würde die Führhilfe zunächst in bekannten Situationen testen, weil man sich erstens selbst an so ein Gerät gewöhnen muss, und zweitens gehe ich davon aus, dass die Geräte am Anfang noch Fehler haben.
Ein gut ausgebildeter Führhund würde den Zugang zu einem Gleis verweigern. Da kann ich ihn hundertmal dazu bringen wollen, aufs Gleis zu gehen, das macht er nicht. Natürlich hat man zu einem Gerät auch nicht so eine vertrauensvolle Beziehung. Es kann sein, dass viele Menschen aus guten Gründen leichter Vertrauen zu einem Hund aufbauen.
Könnten Sie sich prinzipiell vorstellen, mit einer Roboter-Führhilfe, wenn sie weiterentwickelt ist, durch die Stadt zu laufen?
Ja, ich kann mir sehr gut vorstellen, damit sowohl bekannte als auch unbekannte Wege zu gehen. Am Anfang natürlich vorwiegend bekannte Wege, weil man erst einmal selbst ein Gefühl dafür bekommen muss, welche Hindernisse die Führhilfe erkennt. Aber ich kann mir vorstellen, nach einer Weile auch unbekannte Wege mit dem Gerät zu laufen und auch mehr unbekannte Wege zu laufen, als ich es jetzt tue.
Weitere Informationen zum Modell Glide stehen auf der englischsprachigen Website bereit.