„Blickpunkt Auge“, das Beratungsangebot des DBSV, fährt auch zu den Menschen. Das Beratungsmobil, mit dem Johannes Willenberg in Westfalen-Lippe unterwegs ist, hat regen Zulauf. Auf Marktplätzen und in Fußgängerzonen suchen die Menschen Rat zu Problemen, die ihre Augen betreffen. Der Berater sieht dabei Unterschiede bei den Fragen der Stadt- und der Landbevölkerung. Ein großes Problem für Menschen auf dem Land: Es gibt kaum Augenarztpraxen.
Herr Willenberg, erzählen Sie etwas über Ihre Arbeit bei „Blickpunkt Auge“, kurz BPA. Was machen Sie da genau?
Wir sind unterwegs mit einem Beratungsmobil. Das ist ein fünfjähriges Projekt des Blinden- und Sehbehindertenvereins Westfalen, weil wir festgestellt haben, dass gerade in den ländlichen Regionen viele betroffene Menschen gar nicht in der Lage sind, eine der stationären BPA-Beratungsstellen aufzusuchen. Wer im Hochsauerland wohnt, müsste mancherorts 50 Kilometer bis zur Kreisstadt Meschede fahren. Das ist sehbehinderten Menschen oft nicht möglich, weil sie auch mobilitätseingeschränkt sind.
Wir fahren mit dem Beratungsmobil auf Wochenmärkte, in Fußgängerzonen und zu Stadtfesten. Vorher kündigen wir unseren Besuch in der Presse an. Die Leute kommen dann zum Mobil und werden dort genauso beraten wie in den stationären Beratungsstellen. Sie bekommen zumindest eine fundierte Erstberatung und können sich dann telefonisch zum Beispiel an bestimmte Stellen wenden, die wir ihnen nennen.
Wie sieht das Beratungsmobil aus?
Das ist ein umgebauter Mercedes Sprinter. Im Innenraum gibt es einen Besprechungstisch mit Sitzplätzen für bis zu vier Personen. In einem relativ großen Schranksystem haben wir Hilfsmittel und Broschüren. Vor dem Wagen stehen ein Stehtisch und hohe Stühle, darüber wird eine Markise ausgefahren. Tatsächlich finden 95 Prozent der Beratungen an diesem Stehtisch statt. Im Mobil selbst besprechen wir nur Sachen, die mehr Privatsphäre bedürfen. Oder wenn es regnet.
Mit wie vielen Leuten sind Sie unterwegs?
Wir fahren zu zweit. Als zertifizierter BPA-Berater mache ich die Beratungen. Uwe Klapp fährt das Auto und assistiert bei allem, was nicht so gut funktioniert, weil ich selbst blind bin. Er führt zum Beispiel die Lupen vor. Vor einiger Zeit wollte ich einer Dame eine optische und eine elektronische Lupe zeigen, doch die Frau sagte immer wieder, sie sehe nichts dadurch. Ich war verzweifelt, bis Uwe feststellte, dass die Lupe gar nicht eingeschaltet war. Das hatte ich nicht bemerkt.
Wo bewegt sich das Beratungsmobil, mit dem Sie unterwegs sind?
Wir sind im Einzugsbereich des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe unterwegs. Das ist zugleich das Gebiet des Blinden- und Sehbehindertenvereins Westfalen.
Muss man sich anmelden oder können die Leute spontan kommen?
Man muss sich nicht anmelden. Das ist der Grund, warum wir gern auf Märkte fahren. Viele Leute kommen, weil sie die Ankündigung in der Zeitung gelesen haben, andere kommen spontan. Diese Niedrigschwelligkeit ist ein wichtiger Faktor des Angebots.
Wer kommt und sucht Rat? Sind das eher ältere Menschen oder auch jüngere?
Es sind ältere Menschen. Ich würde sagen, 80 Prozent der Menschen, die zu uns kommen, sind älter als 75 Jahre. Die Jüngeren sind noch eher in der Lage, andere Beratungsstellen aufzusuchen. Das ist für die älteren Menschen schwieriger. Teilweise informieren sich Jüngere auch im Internet und finden auf diesem Weg Fachberatungen.
Wie viele Ratsuchende kommen an einem Tag und wie lange dauert eine Beratung durchschnittlich?
Wir sind jetzt im fünften Jahr des Projekts und haben in den ersten vier Jahren etwas mehr als 3.000 Beratungen durchgeführt. Pro Termin sind es etwa zehn, elf Beratungen. Es gibt Beratungen, die dauern nur drei Minuten, andere eine halbe Stunde.
Unterscheiden sich die Fragen und Anliegen, die die Ratsuchenden auf dem Land haben, von denen, die sehbehinderte oder blinde Menschen in der Stadt haben?
Auf jeden Fall. Wir fahren mit Bielefeld, Dortmund und Münster auch große Städte an. Grundsätzlich ähneln sich viele Fragen und Aussagen, wenn es um Informationen zu den Augenerkrankungen geht. Viele sagen: „Mein Arzt hat mir etwas erklärt, ich habe es aber nicht verstanden.“ Oder sie berichten: „Mein Arzt hat gesagt, ich habe eine Makuladegeneration.“ Wenn wir dann fragen: „Hat er Ihnen erklärt, was das ist?“, sagen sie: „Nein, der sagt ja nichts.“ Das muss übrigens nicht stimmen, weil die Leute in der Beratung und beim Arzt so aufgeregt sind, dass sie Erklärungen oft nicht mitbekommen.
Im ländlichen Raum stehen zwei Fragen deutlich mehr im Fokus: Wo bekomme ich Hilfsmittel, und wie komme ich mit Menschen in Kontakt, die die gleiche Diagnose haben?
Gerade an der Frage, wie Kontakte geknüpft werden können, merken wir, dass unsere Arbeit auf dem Land nicht nur eine Arbeit mit sehbehinderten Menschen ist, sondern dass es auch Seniorenarbeit ist. Es geht um Vereinsamung im Alter.
Und Sie können wahrscheinlich Gruppen nennen, in denen die Menschen sich mit anderen Betroffenen austauschen können.
Genau. Wir weisen auf die örtlichen Angebote der Gruppen des Blinden- und Sehbehindertenvereins Westfalen hin. In manchen Bereichen funktionieren noch alte kirchliche Strukturen. Da gibt es zum Beispiel Kaffeetrinken in der Kirchengemeinde, Angebote wie den Sozialdienst katholischer Frauen und die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung. Wir halten bei diesen Organisationen manchmal Vorträge und zeigen Hilfsmittel.
Was berichten die Menschen in ländlichen Regionen über die augenmedizinische Versorgung und die Versorgung mit Optikfachgeschäften?
Die augenärztliche Versorgung ist in einigen ländlichen Gebieten wirklich ein Problem. Wir hatten bei einer Beratung einen Mann, der in einem Ort mit deutlich mehr als 30.000 Einwohnern lebt. Wir haben ihn darauf hingewiesen, dass er dringend zum Augenarzt gehen muss, da es sich um einen Notfall handeln könnte. In seinem Ort gibt es aber keine Augenarztpraxis. Die nächste sei 35 Kilometer entfernt, sagte er, und es fahre nur zweimal am Tag ein Bus dorthin. Das ist die Realität.
Optiker gibt es meinem Eindruck nach überall, aber wenige, die sich mit Low Vision, also geringer Sehkraft, und vergrößernden Sehhilfen auskennen. Wir beobachten, dass die großen Optikerketten jetzt teilweise in diese Bereiche vorstoßen. Die haben zum Beispiel inzwischen elektronische Lupen, weil sie erkennen, dass es auch im ländlichen Raum Bedarf dafür gibt.
Können Sie sich an ein oder zwei Fälle erinnern, bei denen die Tatsache, dass die Menschen auf dem Land lebten, eine erhebliche Rolle für ihr Leben spielte?
Ein Beispiel, das ich noch eindringlich vor Augen habe, ist eine Dame, die mit ihrem Mann kam und erzählte, dass sie auf einem Auge blind sei. Das sei so passiert: Die Dame hatte pathologische Myopie, das heißt, sie war extrem kurzsichtig. An einem Wochenende kam es auf dem einen Auge zu einer Netzhautablösung, und in der Nähe gab es keine Klinik. Sie und ihr Mann konnten nicht Auto fahren und mussten erst einmal jemanden finden, der sie in eine Klinik fuhr. Von der ersten Klinik wurden sie abgewiesen, sodass die Frau nicht rechtzeitig behandelt wurde und auf dem Auge erblindete. Wenn sie in einer Großstadt gelebt hätte, wäre sie mit dem Taxi zur Augenklinik gefahren, und die Geschichte hätte vielleicht anders geendet.
Oder es kommt vor, dass jemand von erheblichen Seheinschränkungen berichtet. Wenn ich dann frage, was der Augenarzt dazu sagt, wird herumgedruckst, bis ich feststelle: Die Person war gar nicht beim Augenarzt.
Tatsächlich war der letzte Augenarztbesuch bei vielen vor der Corona-Zeit. Ein Besuch wird aufgeschoben, weil die meisten Augenerkrankungen nicht weh tun und es aufwendig wäre, in eine Praxis zu fahren. So verzögert sich die Diagnosestellung und damit der Therapiebeginn. Daran merkt man den Unterschied zwischen Stadt und Land deutlich.
Kann das Beratungsmobil oder Beratung generell etwas an dieser Situation verbessern?
Ja, das glaube ich schon. Es gibt einen großen Bedarf an Individualberatung, wie wir sie machen. Doch wir können Betroffene und ihre Angehörigen nur in Bezug auf Hilfsmittel, Sozialrecht und solche Dinge beraten. Auf die nötigen strukturellen Veränderungen im ländlichen Raum haben wir leider keinen Einfluss.
Schwerpunktthema: Blind auf dem Land
Ländliche Regionen stehen für Ruhe, Natur und Gemeinschaft. Für blinde und sehbehinderte Menschen bringen sie jedoch oft besondere Herausforderungen mit sich. Fehlende Barrierefreiheit, weite Wege und ein eingeschränktes Mobilitäts- und Versorgungsangebot prägen vielerorts ihren Alltag. Gleichzeitig entscheiden sich manche bewusst für das Leben abseits der Stadt. Unser Schwerpunkt beleuchtet die Hürden, aber auch die Vorteile des Lebens auf dem Land.
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