Stil: Wer schön sein will, muss tupfen

· Ute Stephanie Mansion

Manche sehbehinderte und blinde Frauen schrecken davor zurück, sich zu schminken. Es könnte etwas verschmieren, wenn sie das eigene Spiegelbild nicht oder nicht gut erkennen. Ich habe mir von der Farb-, Stil- und Make-up-Beraterin Julia Fleck zeigen lassen, wie ich meinem Gesicht auch ohne Spiegel einen frischen natürlichen Look verleihen kann. Mit den richtigen Tricks und Techniken ist das ganz leicht.

In Julia Flecks Studio schauen die Beraterin und Ute Stephanie Mansion auf ein Fläschchen. Links hängt ein mit Lampen umrahmter großer Spiegel.
In Julia Flecks Studio schauen die Beraterin und Ute Stephanie Mansion auf ein Fläschchen.  ·  Bild: Julia Fleck

Schon bevor ich mich auf den Weg nach Düsseldorf-Benrath mache, ins Studio von Julia Fleck, ist meine Mitwirkung gefragt. Die Farb-, Stil- und Make-up Beraterin hat mir einen Fragebogen geschickt. Die Antworten dienen ihr zur Vorbereitung des Termins. Die Fragen nach Haar- und Augen farbe lassen sich noch leicht beantworten; ein wenig nachdenken muss ich schon, als die Frage lautet: Warum möchtest du eine Farb- und Stilberatung? Zwar lasse ich mich in diesem Fall aus beruflichen Gründen beraten – nämlich um mit eigener Erfahrung darüber schreiben zu können – doch es lohnt sich auch sonst, sich mit dieser Frage zu beschäftigen.

Warum möchte ich, dass die Farben meiner Kleidung oder mein Make-up stimmig sind? Warum ist es mir nicht egal, ob ich übertrieben bunt wie ein Clown gekleidet bin oder übertrieben geschminkt wie ein Filmstar? Denn auch wenn ich keine Sehbehinderung hätte, würde ich mich selbst ja eh nur sehen, wenn ich in einen Spiegel schaue.

Das Gesicht strahlen lassen

Vielleicht ist das schon ein Teil der Antwort: Ich möchte, auch was meine Kleidung und mein Make-up betrifft, zu mir selbst stehen können. Das bedeutet nicht, dass alle anderen meinen Stil mögen müssen – die Wahrscheinlichkeit geht eher gegen Null, da Geschmäcker nun mal verschieden sind. Doch Kleidung zu tragen, deren Farben und Schnitte zum eigenen Typ passen und die man mag, und mit Make-up das eigene Gesicht ein bisschen mehr strahlen zu lassen, ist ein schönes Gefühl. Darum möchte ich mich beraten lassen.

An diesem Tag will Julia Fleck mir Techniken und Tricks für ein gelungenes Make-up verraten. Sie hat Erfahrung darin, sehbehinderte und blinde Kundinnen zu beraten – es sind zu fast hundert Prozent Frauen. Vor Jahren hat sie gemeinsam mit einer Mitarbeiterin des Berufsförderungswerks Soest eine Beratung speziell für seheingeschränkte Menschen entwickelt. Sie und ihr Team bieten sie nun auch als Workshop und Einzelberatung an.

„Wir haben die Produkte so auf einander abgestimmt, dass sie sich haptisch gut unterscheiden“, erklärt Julia Fleck. „Sie sind multifunktional einsetzbar, sodass man nicht viele verschiedene Kosmetika braucht.“ Sie legt Wert darauf, wenige, aber natürliche, nachhaltige Produkte einzusetzen.

Herausforderung: Augen schminken

Mit einem Wimpernbürstchen trägt Ute Stephanie Mansion Farbe auf die Wimpern des rechten Auges auf. Sie hat mittellanges dunkles Haar und blickt konzentriert.
Bild: Julia Fleck

Gespannt setze ich mich vor den mit Lampen umrahmten großen Spiegel – so stelle ich mir die Spiegel in einer Theatergarderobe vor. Da der Abstand für meine Augen etwas weit ist, stellt Julia Fleck noch einen kleineren Spiegel auf den weißen Tisch vor dem großen Spiegel. Zunächst darf ich eine Feuchtigkeitscreme auftragen, die der Hautpflege dient. Das hätte ich schon zu Hause tun können, doch vorsichtshalber habe ich an diesem Morgen gar nichts aufgetragen.

Dann verteile ich mit den Fingern eine Foundation, eine Art dickflüssige Creme, die die Haut ebenmäßiger wirken lässt. Das ist problemlos auch ohne Spiegel möglich. Nun ist die Basis für weiteres Make-up gelegt.

Die Augen zu schminken, ist mit Sehbehinderung oder blind, aber auch für viele Frauen ohne Sehbeeinträchtigung, eine Herausforderung. Es kann einiges schiefgehen, wie ich aus Erfahrung, zum Beispiel mit schlecht beleuchteten Hotelzimmerspiegeln, weiß. „Wir setzen darum bei seheingeschränkten Frauen keinen Kajal oder Eyeliner ein“, sagt die Stylistin. Die Verletzungsgefahr sei zu hoch. Die Verschmierungsgefahr auch, denke ich.

 

Puder statt Stift

Was geht, ist Lidschatten: Julia Fleck zeigt mir ein Produkt namens Cream Color Pot. „Den kann man sowohl für die Wangen als auch die Augen und die Lippen verwenden“, erläutert sie. Mit einem Finger kreise ich auf der karamellfarbenen Creme und tupfe die Farbe mit dem Finger von außen nach innen auf mein Lid. Auch das geht ohne hinzuschauen.

Julia Fleck hält mir ein Wimpernbürstchen hin, mit dem ich üben kann, Mascara aufzutragen. Mithilfe der Finger beider Hände lässt sich leicht ertasten, wie man das Bürstchen ansetzt. Doch ich nutze nur selten Mascara; meine Wimpern sind auch so lang und dicht genug.

Mich interessiert jedoch, ob sie nicht einen Trick kennt, wie ich geschickt einen Augenbrauenstift anwende. Sie kennt einen: Es gibt nicht nur Augenbrauenstifte, sondern auch Augenbrauenpuder. „Den kannst du mit einem Finger oder einem feinen Pinsel auf den Augenbrauen verteilen“, meint sie. Bei sehr wenig oder keinem Sehrest rät sie allerdings davon ab.

Spiegelbild nimmt Farbe an

Leicht sei es hingegen, Lippen und Wangen farblich hervorzuheben. Das probiere ich natürlich gleich aus. Die Farbe stammt wahlweise wieder aus dem Color Cream Pot oder von einem breiten Stift, ähnlich einem Lippenstift. Es stehen mehrere Farben zur Verfügung – bei der Auswahl ist der Rat der Fachfrau hilfreich. Mit einem Finger nehme ich den gewünschten Farbton, hier Pfirsich, auf und verschönere damit tupfend die Lippen. Mein Spiegelbild nimmt – im Wortsinn – langsam Farbe an. Die Finger reinige ich zwischendurch mit Tüchern, dann nehme ich damit wieder ein wenig Farbe auf und verteile sie auf den Wangen. Natürlich nicht irgendwie, sondern tupfend und den Tricks folgend, die Julia Fleck mir verrät.

Sie hat noch mehr Techniken in petto und weiß auch, wie ich nicht nur einen natürlichen Alltagslook, sondern auch ein Make-up für einen feierlichen Anlass hinbekomme.

Der natürliche Alltagslook verleiht meinem Gesicht mehr Frische – es fühlt sich so an, und ich erkenne es auch, als ich am Ende der Beratung in den Spiegel schaue. Beim ersten Mal gut angeleitet, ist es später leicht, sich mit ein bisschen Farbe und den eigenen Fingern diese Frische ins Gesicht zu zaubern.

Beratung in Workshops oder einzeln

Make-up-, Farb- und Stilberatung bietet Julia Fleck sowohl als Workshops mit maximal zehn Personen als auch als Einzelberatung an. Die Workshops, in denen Techniken und Tricks vermittelt werden, dauern zwei bis drei Stunden. Die Gebühr wird individuell, je nach Teilnehmeranzahl, berechnet. Im Preis enthalten sind Make-up-Produkte (Naturkosmetika) im Wert von 125 Euro pro Teilnehmerin. Auch Online-Workshops sind möglich. Die Beratung und das praktische Lernen erfolgen Schritt für Schritt von der Hautpflege bis zum passenden Tages- oder Abendlook.

 

Mehr Informationen:

  • Tel.: 02 11 / 93 65 22 29
  • E-Mail: please@just-style.me

Zur Website von Julia Fleck

Workshop und Beratung auf der SightCity

Bei der Hilfsmittel-Fachmesse Sight-City ist das Team von Julia Fleck am Freitag, 29. Mai, mit einem Stand vertreten. Es bietet Farb-, Stil- und Make-up-Beratung an. Die Standnummer ist 1O15. Außerdem gibt es einen Make-up Workshop vor Ort, der online live übertragen wird. Der Titel lautet: „Inklusive Beauty Experience – Make-up Workshop für blinde und sehbehinderte Frauen.“ Der Workshop findet am 29. Mai, 11:45 Uhr, statt. Er dauert eine Stunde.
Ort: Kap Europa, Bühne, Ostseite Ebene 1

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