Ob Reißverschluss, Schnitt oder Stoff: Für viele Menschen mit körperlicher Behinderung entscheidet sich an Details, ob Kleidung im Alltag unterstützt oder zusätzliche Hürden schafft. Drei junge Frauen mit unterschiedlichen Hilfsmitteln und Anforderungen erzählen, woran adaptive Mode heute noch scheitert, welche Lösungen ihnen wirklich helfen – und warum Funktion allein nicht reicht.
Adaptive Mode ist Kleidung, die unterschiedliche Hilfsmittel, Körper und Alltagssituationen berücksichtigt – vom Rollstuhl bis zur Orthese. Für sehbehinderte und blinde Menschen wird adaptive Mode interessant, wenn sie zusätzlich eine körperliche Einschränkung haben. Oft entscheiden Details wie Reißverschlüsse, Schnitte oder Stoffe darüber, ob Kleidung praktisch nutzbar ist.
Ein Reißverschluss, der sich nicht gut greifen lässt. Eine Jacke, die nicht über eine Orthese passt. Eine Hose, die im Stehen gut aussieht, im Sitzen aber nicht mehr bequem ist. Was nach Kleinigkeiten klingt, kann darüber entscheiden, ob sich Kleidungsstücke gut tragen lassen oder doch ganz im Schrank bleiben.
Genau das zeigen die Erfahrungen von Katharina Hesener, Lea Menninger und Claire Horsbrugh. Ihre Anforderungen an Kleidung sind unterschiedlich – je nach Hilfsmittel, Körper und Alltag. Gleichzeitig tauchen bestimmte Probleme bei allen dreien auf: Passformen, die nicht mitgedacht wurden, unpraktische Verschlüsse, fehlende Flexibilität bei Schnitten und Materialien.
Keine Lösung für alle
Es gibt also nicht die eine adaptive Lösung für alle. Aber es gibt wiederkehrende Hürden. Eine solche Hürde beginnt für Lea Menninger, sobald der Winter einsetzt. Dann braucht sie lange Hosen. Gleichzeitig muss ihre Kleidung aber auf das funktionelle Elektrostimulationssystem (FES-System) an ihren Ober- und Unterschenkeln abgestimmt sein. Damit werden Nerven angeregt. Verrutscht etwas oder kommt sie nicht schnell genug an die Technik, wird ein Outfit im Alltag schnell zur Belastung. Immer wieder muss sie deshalb abwägen: Passt die Kleidung zu ihrem Hilfsmittel – oder verzichtet sie lieber zumindest auf die oberen Teile ihres FES-Systems, um es einfacher zu haben?
Ähnlich geht es Claire Horsbrugh mit Winterjacken: Die Ärmel passen häufig nicht über ihre Orthese, Reißverschlüsse lassen sich oft schlecht greifen, und auch Hosen müssen weit genug geschnitten sein, damit sie mit ihren Hilfsmitteln tragbar bleiben. Vieles davon ließe sich mit einfachen Anpas-sungen entschärfen.
Wunsch: funktional und modisch
Katharina Hesener bringt eine weitere Perspektive mit ein: Im Rollstuhl verändern sich Passform, Länge und Sitz von Kleidung grundlegend. Hosen können im Sitzen zu kurz werden, rutschen oder unbequem sein. Jacken schieben sich hoch und sitzen oft im Rücken oder Nacken nicht gut. Dazu kommen Materialien und Nähte, die bei Druck, Reibung oder eingeschränkter Beweglichkeit schnell problematisch werden.
„Praktische Lösungen finde ich zwar grundsätzlich gut – aber eben nicht, wenn ich mich darin nicht wiederfinde.“ Für Lea Menninger ist das ein zentraler Punkt. Denn adaptive Kleidung wirke oft so, als hätte sie eine jüngere Zielgruppe gar nicht mitgedacht. Sie sucht aber keine Spezialoptik, sondern Mode, die zu ihren Hilfsmitteln passt und trotzdem ihrem Stil entspricht.
Katharina Hesener formuliert es noch grundsätzlicher: Adaptive Kleidung wirke oft entweder rein funktional oder rein modisch – aber selten wie beides zugleich. Denn wer Kleidung trägt, will nicht nur zurechtkommen, sondern sich darin auch wiederfinden. Alltagstauglichkeit endet deshalb nicht bei Verschlüssen, Stoffen oder Schnitten, sondern auch bei der Frage, ob ein Outfit zum eigenen Stil, Alter und Leben passt.
Bedürfnisse früher mitdenken
Für alle drei ist klar: Gute adaptive Mode entsteht nicht, wenn Unternehmen erst am Ende nach Feedback fragen. Lea Menninger wünscht sich, dass die Zielgruppe deutlich früher in Entwicklung und Design einbezogen wird – nicht nur symbolisch, sondern dort, wo Schnitte, Funktionen und Anforderungen entschieden werden. Auch Claire Horsbrugh betont, dass viele Verbesserungen weder kompliziert noch teuer sein müssten.
Aus ihrer Sicht fehlt es oft weniger an Möglichkeiten als an echtem Interesse, genauer hinzuschauen und sinnvolle Anpassungen mitzudenken. Gerade deshalb sind es häufig nicht die großen Innovationen, die einen Unterschied machen, sondern Lösungen, die konkrete Bedürfnisse von Anfang an mitdenken.
Für alle drei beginnt das Thema Mode nicht bei Trends, sondern bei Blicken von außen. Claire Horsbrugh beschreibt, dass ihr Körper seit ihrer Kindheit nicht neutral wahrgenommen wird – sondern kommentiert, bewertet und medizinisch gelesen. Kleidung ist für sie deshalb auch eine Möglichkeit, diesen Blick zu verschieben.
Kleidung verändert das Auftreten
Alle drei sprechen nicht nur über Blicke, sondern über Reduktion. Nicht zuerst als Person, sondern über Hilfsmittel, Körper, Bewegung oder sichtbare Abweichung gelesen zu werden, verändert den Alltag. An diesem Punkt wird Mode mehr als eine ästhetische Frage: Sie wird zu einer Möglichkeit, dieser Fremdwahrnehmung etwas Eigenes entgegenzusetzen. Selbstbestimmt.
Wer immer wieder kommentiert, angestarrt oder auf den eigenen Körper reduziert wird, bleibt davon nicht unberührt. Was die jungen Frauen verbindet: Selbstbild entsteht nicht losgelöst von dem, was andere sehen oder hineinlesen. Kleidung kann diese Erfahrungen nicht aufheben – aber sie kann dabei helfen, sich ihnen nicht nur ausgeliefert zu fühlen.
„Ich möchte eigentlich genau wie jeder andere Mensch in meinem Alter normal shoppen gehen können“, erklärt Katharina Hesener. Kleidung ist für sie kein Nebenthema. Wenn sie sich gut angezogen fühlt, verändert das ihr Auftreten – und auch die Art, wie sie anderen begegnet.
Was Kleidung ermöglicht
Auch Claire Horsbrugh beschreibt Mode nicht als Oberfläche, sondern als Möglichkeit, Einfluss auf die eigene Wahrnehmung zu nehmen. Kleidung wird für sie genau dort wichtig, wo sie hilft, den Blick auf den eigenen Körper zu verschieben.
Bei adaptiver Mode geht es nicht nur darum, ob Kleidung nützlich ist. Es geht auch darum, ob sie Zugehörigkeit, Ausdruck und Selbstbehauptung ermöglicht. Mode allein verändert keine Gesellschaft. Aber sie kann einen Unterschied machen, wenn sie Menschen nicht von vornherein auf ihre Behinderung, ihre Hilfsmittel oder ihren Körper festlegt.
Für die drei Frauen geht es nicht nur um schöne Kleidung oder persönliche Vorlieben, sondern auch um Zugehörigkeit, Sichtbarkeit und die Möglichkeit, sich im Alltag so zu zeigen, wie man ist. Darin steckt mehr als ein modisches Thema. Wer Kleidung findet, die zum eigenen Körper, zum eigenen Stil und zum eigenen Leben passt, erlebt oft auch ein Stück Selbstverständlichkeit und Empowerment. Nicht, weil damit alle Hürden verschwinden – sondern weil Mode dabei helfen kann, ihnen etwas Eigenes entgegenzusetzen.
Am Ende geht es also nicht nur darum, was Kleidung kann. Sondern auch darum, was sie ermöglicht.
Zum vollständigen Artikel und Instagram
Der vollständige Artikel ist auf www.rehacare.de/mode zu finden.
Auf Instagram sind die drei modebewussten Frauen auf folgenden Kanälen aktiv:
- Katharina Hesener: @Katareha_00
- Claire Horsbrugh: @claire.bionic
- Lea Menninger: @lelly_1196
Schwerpunktthema: Stil
Vielen sehbehinderten und blinden Menschen ist bewusst, dass andere ihr Erscheinungsbild wahrnehmen – auch wenn sie selbst es nicht oder nicht gut sehen. Und es ist ihnen nicht egal, ob ihr Hemd farblich zur Hose passt und das Make-up gut aussieht oder nicht. Wichtig ist ihnen Mode auch als Ausdruck von Selbstbestimmtheit. Alles eine Frage des Stils, der wir in unserem Schwerpunkt nachgehen.
- "Wer schön sein will, muss tupfen", lernt Redakteurin Ute Mansion von Farb- und Stilberaterin Julia Fleck und wie Make-up funktioniert, ohne es zu sehen.
- In "Meine Kleidung, mein Stil, mein Ich" verraten sehbeeinträchtigte Menschen, was Stil für sie bedeutet.
- Drei junge Frauen mit Behinderungen sehen "Mode als Ausdruck von Zugehörigkeit" und sprechen darüber, woran adaptiver Mode aktuell scheitert.