Myopie: Gut angekommen in einer neuen Welt

· Linda Pröve

Mithalten, durchhalten, sich nichts anmerken lassen: So machte es Linda Pröve, damit in der Schule und später im Beruf niemand merkte, wie sehr ihre starke Kurzsichtigkeit sie beeinträchtigte. Ihre Strategien der Verschleierung wirkten – bis es nicht mehr ging. Als sie blind wurde, stürzte sie das in eine Krise. Doch sie fand hinaus und engagiert sich heute in der Selbsthilfe ihrer Region.

Linda Pröve steht bei einem Haflingerpony, dessen Kopf sie mit einer Hand umfasst. Ihr langes lockiges Haar trägt sie zusammengebunden. Im Hintergrund sind Bäume und Pferdeanhänger zu sehen.
Bild: privat

Bei der Frage, wann und wie sich meine Myopie bemerkbar gemacht hat, kann ich mich nur auf die Berichte meiner Eltern stützen. In der Familie wunderte man sich, warum ich zum Beispiel immer gegen die hellgraue Kellertür lief. Im Alter von zwei Jahren war das nicht erklärbar. Der Augenarzt attestierte dann die Myopie magna, also hochgradige Kurzsichtigkeit. Begonnen habe ich mit acht Dioptrien.

Allerdings sprach man mit mir nicht darüber. Ich bekam nur die Auskunft, dass ich halt schlecht sehen könne und eine Brille benötigte. Mit der Diagnose habe ich mich erst beschäftigt, als es um die Beantragung eines Behindertenausweises ging.

Bei uns in der Familie wurde meine Erkrankung nicht thematisiert, sondern ich bekam nur mit, wie sehr meine Eltern unter den Mehrausgaben wegen der Brillen litten. Mir war nicht bewusst, dass ich mit mittlerweile 14 Dioptrien mehr als schlecht sah.

Eine besondere Schulform war nie ein Thema. Im Gegenteil: Ich wurde so erzogen, dass man über Schwächen nicht redet. Dann muss man sich eben mehr anstrengen, hieß es.

Im Nachhinein betrachtet war die Schulzeit eine unglaublich schlimme Zeit. Ich musste ja verschweigen, dass ich die Zeichen auf der Tafel nicht sehen konnte und in den naturwissenschaftlichen Fächern den Experimenten nicht folgen konnte. So habe ich von Klein auf Strategien entwickelt, um meine Behinderung zu verstecken.

Für den Unterrichtsstoff las ich vorher die entsprechenden Kapitel in den Lehrbüchern. In Chemie und Physik habe ich mich durchgemogelt. Bei Ausflügen wurde ich kurzfristig krank, damit ich nicht Situationen ausgeliefert war, mit denen ich nicht umgehen konnte.

Ende des Versteckspiels

Auch beruflich spielte die Myopie eine Rolle. Als ich mit 15 Jahren ins Berufsleben startete, entwickelte ich wiederum Strategien, um meine Behinderung zu verschleiern. Ich musste schnell wirtschaftlich für mich selbst sorgen. Daher war es wichtig, einen „normalen“ Beruf zu erlernen. Nach der Realschule machte ich eine Lehre zur Bürokauffrau und war mit viel Ehrgeiz und noch mehr Anstrengung dabei. Mittlerweile bei 25 Dioptrien angekommen, war die Behinderung schon ziemlich stark.

Ich habe im weiteren Berufsleben immer alles getan, damit man nicht merkte, wie schwer mir alles fiel. Später bestand meine Strategie darin, im Unternehmen Jobs auszuführen, in denen eher meine kommunikativen Fähigkeiten gefragt waren und weniger meine Augen.

Erst als mein Visus innerhalb von zwei Monaten von 0,3 auf 0,01 fiel, war das Versteckspiel zu Ende. Ich konnte nur noch Hell und Dunkel unterscheiden. Dieser Umbruch war für mich eine Katastrophe. Ich hatte mich ja nie damit auseinandergesetzt und überhaupt keine Kontakte zur Blinden- und Sehbehinderten-Community. Ich suchte Hilfe bei einem Psychotherapeuten, der aber aufgrund der suizidalen Gefährdung die Überweisung in eine geschlossene Einrichtung empfahl. Dort fand ich den Mut, mich dem neuen Leben zu stellen. Auch wenn es pathetisch klingt: Man muss sich entscheiden, ob man leben will oder nicht. Ich habe mich für das Leben entschieden! Und das wollte ich mit allen Sinnen genießen.

Um dies auch nach außen zu transportieren, änderte ich meinen Rufnamen von Dietlind zu Linda. Jeder, der schon einmal probiert hat, Dietlind zu diktieren, wird feststellen, dass dies mit Linda besser geht. Aber ich bin auch tatsächlich ein anderer Mensch. Viel zufriedener lebe ich im Hier und Jetzt.

Zeit, Neues zu lernen

Es war ein langer, harter und steiniger Weg. Aber er ist gelungen. Ich hatte in der Klinik aufgrund der Nähe zu einer Einrichtung, die Kontakte zur blista in Marburg pflegte, das erste Mal auch Beratung zum Umgang mit der neuen Situation. Kurz danach wurde ich vollblind. Wieder geschah dies innerhalb kurzer Zeit, und wieder galt es, sich umzustellen und neu zu orientieren. Dabei half mir eine Reha in der Klinik in Masserberg.

Nachdem ich dann vorzeitig in Rente gegangen war, fand ich endlich Zeit, alles zu erlernen, was mir noch fehlte: Kochen und erweiterte Mobilität, wozu Treppensteigen und große Kreuzungen zu analysieren gehört. Auch Navigation und VoiceOver standen auf dem Programm. Der Kontakt zum Blinden- und Sehbehindertenverband mit all seinen Angeboten war nun endlich möglich. Als ich noch gearbeitet habe, gingen alle Ressourcen für den Arbeitsalltag und die Regeneration „drauf“.

Nun bin ich in der Welt der blinden Menschen gut angekommen, bin sehr selbstständig unterwegs, nehme an vielen Aktivitäten teil und versuche, andere an meinen Erfahrungen teil-haben zu lassen. Dazu bin ich in Schulen, Altenheimen und Kirchen unterwegs. Denn wenn ich eines aus meinem Weg gelernt habe, dann, dass die Bedürfnisse jedes Menschen, der erblindet, sehr unterschiedlich sind und an den Lebensumständen und der Persönlichkeit des Einzelnen hängen.

Bald Blickpunkt-Auge-Beraterin

Das brachte mich auf die Idee, selbst in die Beratung zu gehen. Einmal, um zu zeigen, dass man auch mit einer Erblindung wunderbar leben kann und zum anderen, um genau diese persönliche Beratung möglich zu machen: den Menschen dort abzuholen, wo er steht. Darum absolviere ich gerade die Ausbildung zur Blickpunkt-Auge-Beraterin des DBSV.

Nach Abschluss der Ausbildung findet man mich dann im Blickpunkt-Auge-Mobil des Blinden- und Sehbehindertenverbands Niedersachsen in der Region Leine-Weser. Wir besuchen dort kleinere und mittlere Städte, um die Menschen zu erreichen, die Schwierigkeiten haben, in die großen Beratungsstellen in Hannover, Nienburg und Stadthagen zu kommen.

Daneben engagiere ich mich im Vorstand der Region Leine-Weser und versuche, die Barrierefreiheit im ÖPNV in Hannover und der Region Hannover zu verbessern.

Linda Pröve (62) lebt in Hannover.

Schwerpunktthema: Myopie

Kurzsichtigkeit, medizinisch Myopie genannt, wird meistens mit einer Brille oder Kontaktlinsen korrigiert. Doch wer eine hohe Myopie hat, kann trotzdem Probleme in der Schule oder am Arbeitsplatz bekommen, wie zwei Betroffene berichten. Aus Expertensicht beleuchtet ein Augenarzt das Thema. Er erklärt, welche Veränderungen an der Netzhaut durch Myopie entstehen und zu einer Sehbehinderung und auch Blindheit führen können.

  • "Wenn der Augapfel wächst und wächst": Einen Überblick über die weitverbreitete Myopie, auch Kurzsichtigkeit genannt, gibt Ute Stephanie Mansion.
  • "Immer wieder mal: Kopf hoch!", rät Prof. Thomas Ach, Leitender Oberarzt der Augenklinik am Universitätsklinikum Bonn und spricht über Risikofaktoren, Merkmale und Behandlung der pathologischen Myopie.
  • Sehheldin Anne Niesen ist "unterwegs im Niemandsland". Wie sie sich tiefgründig mit ihrer hohen Myopie auseinandersetzt und damit anderen hilft.
  • Linda Pröve ist "gut angekommen in einer neuen Welt" und erzählt von ihrem Weg, der über starke Kurzsichtigkeit über Erblindung hinaus aus einer Krise führte.

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