Myopie: Unterwegs im "Niemandsland"

· Anne Niesen

Anne Niesen wusste lange nicht, auf wie vielen Ebenen ihre hohe Myopie ihr Leben beeinflusste. Lange begriff sie nicht, wie sehr sie oft über ihre Grenzen hinaus leistete. Erst als fortschreitende Verschlechterungen ihr Leben auf den Kopf stellten, beschäftigte sie sich tiefgründig damit. Und gründete unter anderem eine Facebook-Gruppe für Hochmyope.

Anne Niesen lacht in die Kamera. Sie hat mittellange, wellige, dunklere Haare und trägt eine Brille mit dunklem Rahmen.
Bild: privat

Die Familienanekdote sagt, dass ich erst richtig laufen lernte, als ich eine Brille bekam. Meine Mutter vermutet, dass ich damals eine Brillenstärke um die fünf Dioptrien hatte. Sicher ist: Im Vergleich zu später war es wenig. Aber ohne Brille ist die Umgebung eine verschwommene Masse für mich.

Es gab lange keinen Namen dafür. Ich war einfach sehr kurzsichtig. Die Bezeichnung „Pathologische Myopie“ habe ich erst mit Anfang 50 gegoogelt. Rückblickend finde ich diese Bezeichnung gerade für Kinder und Jugendliche schwierig: In der Zeit sind die meisten hochmyop, also hochgradig kurzsichtig, jedoch ohne Netzhautschäden. Bei denjenigen, bei denen das Längenwachstum des Augapfels sehr lange weitergeht, entstehen irgendwann Netzhautschäden.

Mit Brille war mein Visus prima. Darum stellte sich die Frage, ob ich eine Schule für blinde und sehbehinderte Kinder besuchen sollte, nicht. Leider fragte aber niemand: „Welchen Einfluss hat die Kurzsichtigkeit auf alles, was mit Schule zu tun hat?“ Solange die Brille heil blieb, schien alles in Ordnung.

Was natürlich nicht der Fall war. Da war die Angst um die Brille. Die Schwierigkeiten, etwas an der Tafel zu lesen. Die dicken Gläser, durch die ich nur im Zentrum scharf sah. Der Einfluss, den die Kurzsichtigkeit hatte, wenn ich Sport machte.

Erst später wurde mir klar, wie massiv die Auswirkungen auf meine Entwicklung waren. Ironie: Weil ich Sport wegen der Brille schwierig fand, habe ich noch mehr gelesen. Heute wissen wir, wie nachteilig sich stundenlanges Lesen bei schlechtem Licht auf die Augen auswirkt.

Während meines Studiums und in meinem Berufsleben spielte meine Myopie eine massive und verdeckte Rolle. Mit Kontaktlinsen war mir nichts anzumerken. Weil ich gelernt hatte, dass ich „eigentlich nichts habe“, verstand ich oft die Zusammenhänge nicht: Dass Dinge länger dauerten oder dass ich aus Augenübermüdung Flüchtigkeitsfehler machte. Mir war lange nicht klar, wie sehr ich ständig Unglaubliches leistete.

Arbeiten über Grenzen hinaus

Meine Arbeit war immer herausfordernd: Nach meinem Studium arbeitete ich mehrere Jahre in Japan. Dort werden viele Überstunden vorausgesetzt. Dabei arbeitete ich über meine Grenzen, täglich, mit tränenden und schmerzenden Augen und großer Übermüdung nach der Arbeit und an den Wochenenden.

Von 1999 bis 2018 arbeitete ich als selbstständige Trainerin, Workshopmoderatorin und Coach mit nationaler und internationaler Reisetätigkeit. Ein sehr spannender und sehr herausfordernder Beruf – auch ohne hochgradige Kurzsichtigkeit. Klar, ich konnte meine Zeiten selbst planen und gleichzeitig hatte ich auch deutliche Umsatzeinbußen durch die vielen Pausenzeiten, die ich einplanen musste. Längere Aufträge konnte ich nicht annehmen.

Im Laufe der Zeit gab es eine schleichende Veränderung von „sehr schlechten Augen“ zu massiven Einschränkungen. Anfang 2018 bemerkte ich offene Schranktüren nicht mehr oder sah Dinge mal und mal nicht, je nachdem wie ich meinen Kopf drehte. Schlechtes Kontrastsehen, fehlende Tiefe, starke Blendempfindlichkeit kannte ich schon. Auf dem linken Auge kam nun eine myopische Makuladegeneration hinzu.

Rechts ist die Netzhaut durch massive Atrophie (Gewebeschwund) gekennzeichnet: sehr typisch für pathologische Myopie. Offiziell ist mein Visus rechts noch hoch, aber ich erreiche den nur bei perfekten Lichtumständen und muss immer ein wenig „um die Ecke“ schauen.

Meine größte Einschränkung: Die enorme Gehirnleistung, die dieses Sehen fordert, kostet sehr viel Energie. Mit meinem Sehen könnte ich die meiste Arbeit noch erledigen, meine Energie setzt die Grenzen.

Ich kam in eine existenzielle Krise. Finanzen, Wohnen, Identität – denn ich liebte, was ich tat. Damit war ich ziemlich allein und suchte mir Unterstützung, um in meinen neuen Realitäten zu landen und zu lernen, damit umzugehen, dass niemand sagen kann, wie es weitergeht.

Abschied und Neubeginn

Irgendwann startete ich meinen Blog „SEHHELDIN“. Darin geht es um Neustart, Transformation, Abschied vom Alten und den Weg zu etwas Neuem. Seit einiger Zeit biete ich auch wieder Coachings an. Eins zu eins und per Telefon.

Ich lebe in den Niederlanden und bin dort Mitglied der Oogvereniging, auf Deutsch Augenvereinigung. Die niederländische Facebook-Gruppe für Hochmyope ist mir Heimat. 2019 gründete ich die deutschsprachige Gruppe „Heimat für Hochmyope“, nicht weil ich sie selbst brauchte, sondern weil ich wusste, dass es diesen Ort noch nicht gab.

Mir ist wichtig klarzustellen: Pathologische Myopie bedeutet nicht automatisch, sehbehindert oder blind zu sein. Das schwebt wie ein Damoklesschwert über uns – niemand weiß, was wann eintritt. Die im Niemandsland dazwischen werden oft übersehen und nicht ernstgenommen, gehören nirgendwo dazu und erhalten kaum Informationen. Das möchte ich ändern, damit Jüngere nicht mehr so allein kämpfen müssen.

Anne Niesen (60) lebt in Nimwegen, Niederlande.

„Sehheldin“ – Leben mit hoher Myopie

Anne Niesen widmet auf ihrem Blog "Sehheldin" eine Reihe von Artikeln dem Thema Leben mit hoher Myopie. Sie zeigt Verbindungen auf und schöpft dabei aus ihrem Wissen als Coach. Sie möchte, dass andere Hochmyope etwas finden, das sie inspiriert und neue Perspektiven eröffnet. Es geht darin um Themen wie „Hohe Myopie: Warum ein Name für hochgradig Kurzsichtige so wichtig ist“.

Ein Artikel heißt: „Unsichtbar mit Brille: Wie hochgradige Kurzsichtigkeit Kinder und Jugendliche im Sport prägt – und was sich ändern muss.“ Anne Niesen schrieb ihn, weil eine dicke Brille und Sport ein Thema für betroffene Kinder und Jugendliche ist, mit dem sie sich häufig allein fühlen.

Ein Artikel, der, wie sie sagt, schon viele junge Menschen zum Weinen gebracht habe, weil sie sich durch ihn gesehen fühlen, trägt den Titel: „Du bist sexy! – auch mit Brille.

Schwerpunktthema: Myopie

Kurzsichtigkeit, medizinisch Myopie genannt, wird meistens mit einer Brille oder Kontaktlinsen korrigiert. Doch wer eine hohe Myopie hat, kann trotzdem Probleme in der Schule oder am Arbeitsplatz bekommen, wie zwei Betroffene berichten. Aus Expertensicht beleuchtet ein Augenarzt das Thema. Er erklärt, welche Veränderungen an der Netzhaut durch Myopie entstehen und zu einer Sehbehinderung und auch Blindheit führen können.

  • "Wenn der Augapfel wächst und wächst": Einen Überblick über die weitverbreitete Myopie, auch Kurzsichtigkeit genannt, gibt Ute Stephanie Mansion.
  • "Immer wieder mal: Kopf hoch!", rät Prof. Thomas Ach, Leitender Oberarzt der Augenklinik am Universitätsklinikum Bonn und spricht über Risikofaktoren, Merkmale und Behandlung der pathologischen Myopie.
  • Sehheldin Anne Niesen ist "unterwegs im Niemandsland". Wie sie sich tiefgründig mit ihrer hohen Myopie auseinandersetzt und damit anderen hilft.
  • Linda Pröve ist "gut angekommen in einer neuen Welt" und erzählt von ihrem Weg, der über starke Kurzsichtigkeit über Erblindung hinaus aus einer Krise führte.

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