Myopie: Wenn der Augapfel wächst und wächst

· Ute Stephanie Mansion

Myopie ist in der Bevölkerung weitverbreitet und darum auch bekannt. Immer mehr Menschen, vor allem jüngere, sind von Myopie, im Alltag meistens Kurzsichtigkeit genannt, betroffen. Wie entsteht sie, und wie wird sie behandelt? Was ist unter hoher Myopie zu verstehen, und wie unterscheidet sie sich von pathologischer Myopie? Erste Einblicke in das Thema liefert der folgende Artikel

Zwei Hände halten ein Brillenglas mit vielen Myopieringen über einer Brillenfassung. Der Hintergrund ist verschwommen dargestellt.
Bild: Pixabay/Henning W.

Wenn es eine Sehbeeinträchtigung gibt, die in der Bevölkerung bekannt ist, dann ist es Kurzsichtigkeit. In der Fachsprache heißt Kurzsichtigkeit Myopie. Das Wort stammt aus dem Altgriechischen.

Kurzsichtigkeit wird meistens mit einer Brille oder mit Kontaktlinsen korrigiert. Menschen mit Sehbehinderung, die eine Brille tragen, werden häufig mit der Frage konfrontiert, ob die vorhandene Brille nicht reiche, damit sie besser sehen können. Auch Aussagen wie „Deine Brille ist doch gar nicht so stark“ hören Menschen, die eine Sehbehinderung haben und außerdem aufgrund ihrer Kurz- oder Weitsichtigkeit eine Brille tragen, zuweilen.

Dass Kurzsichtigkeit jedoch nicht zwangsläufig eine Sehbehinderung darstellt und eine Sehbehinderung nicht zwangsläufig bedeutet, dass jemand kurzsichtig ist, mag für Menschen mit hoher Myopie, sehbehinderte und blinde Menschen eine Binsenweisheit sein – viele andere wissen es nicht.

Als Krankheit gilt Myopie in der Augenheilkunde nicht, sondern als Fehlsichtigkeit. Hohe Myopie kann jedoch zu krankhaften Veränderungen am Auge führen, dann wird von pathologischer Myopie gesprochen.

Wie sich Kurzsichtigkeit auswirkt, ist den meisten bekannt: Kurzsichtig ist, wer Dinge in der Nähe besser erkennt als Dinge in der Ferne. Weiter Entferntes wirkt, mit kurzsichtigen Augen betrachtet, unscharf. Bis zu welcher Entfernung etwas gut erkannt wird, hängt von der Brechkraft des Auges ab, die in der Einheit Dioptrie gemessen wird. Ab minus sechs Dioptrien wird von hoher Myopie gesprochen. Durch sie erhöht sich das Risiko für Augenerkrankungen.

Weltweit steigende Zahlen

Grund für die Kurzsichtigkeit ist die Form des Augapfels, des Bulbus. Ist er in der Längsrichtung zu lang, treffen die durch Hornhaut und Linse ins Auge treffenden Lichtstrahlen vor der Netzhaut, der Retina, zusammen. Bei einem nicht kurzsichtigen Auge werden die Strahlen auf der Netzhaut gebündelt. Dadurch entsteht ein scharfes Bild, im Fall von Kurzsichtigkeit ein unscharfes.

Dem Deutschen Ärzteblatt zufolge, das sich auf eine Studie aus Portugal beruft, ist fast jeder vierte Europäer kurzsichtig. Bis zum Ende der Grundschulzeit seien in Deutschland rund 15 Prozent aller Kinder kurzsichtig, teilt die Augenklinik des Universitätsklinikums Köln mit. Bei jungen Erwachsenen sei schließlich jeder Zweite betroffen.

Weltweit steigt die Zahl kurzsichtiger Menschen, besonders in Asien. Dort sollen bis zu zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen betroffen sein. Als Grund wird vermutet, dass sie viel Zeit an Bildschirmen und wenig im Freien verbringen, Dinge also vor allem aus der Nähe betrachten.

Die Ursachen für Kurzsichtigkeit und ihr Voranschreiten sind laut Berufsverband der Augenärztinnen und Augenärzte jedoch nicht genau bekannt. Sie kann auch erblich bedingt sein. Korrigiert wird die Fehlsichtigkeit außer durch Brillen oder Kontaktlinsen auch mithilfe chirurgischer Verfahren, zum Beispiel das Abflachen der Hornhaut durch Laser. Laser-Methoden werden jedoch nur bei nicht zu hoher Myopie angewendet, erklärt der Berufsverband.

Vor einer Sache warnt der Verband ausdrücklich: vor Übungen, die angeblich die Augenmuskeln stärken und das Tragen einer Brille überflüssig machen. Die Behauptung, durch Training der äußeren Augenmuskeln könne die Myopie beeinflusst werden, bezeichnet er als „reine Irrlehre“.

Auf die Frage, ob sich die Augen durch das Tragen einer Brille und von Kontaktlinsen nicht zu sehr an das scharfe Sehen gewöhnen, antworten Augenärztinnen und Augenärzte klar: Nein! Der Augapfel kann auch nach dem Erreichen der erwachsenen Körpergröße noch wachsen – das geschieht jedoch unabhängig davon, ob zuvor eine Brille oder Kontaktlinsen getragen wurden oder nicht.

Eine hohe Myopie, in der Fachsprache Myopie magna genannt, kann sich im Laufe der Zeit negativ auf die Augengesundheit auswirken. Sie ist, bedingt durch die Dehnung des Auges, ein Hauptrisikofaktor für Augenerkrankungen wie Katarakt (Grauer Star), Glaukom (Grüner Star), Netzhautablösung und myope Makuladegeneration. Aus diesem Grund wird Patientinnen und Patienten mit hoher Myopie empfohlen, ihre Augen einmal jährlich augenärztlich kontrollieren zu lassen. Das gilt auch für Menschen, bei denen eine pathologische Myopie vorliegt.

Lacksprünge auf der Netzhaut

Häufig tritt Myopie in Kombination mit einem Astigmatismus, einer Hornhautverkrümmung, auf. Astigmatismus bedeutet Punktlosigkeit: Durch eine Krümmung der Hornhaut, die meistens angeboren ist, werden einfallende Lichtstrahlen nicht als Punkte sondern stabartig auf der Netzhaut abgebildet. Dies führt zu unscharfem und verzerrtem Sehen. Die Dioptrienzahl bei der Kombination von Myopie und Astigmatismus ergibt sich aus den Werten der Myopie und den Werten der Hornhautverkrümmung.

Ein häufiger Grund für die Verschlechterung der Sehfähigkeit bei Patientinnen und Patienten mit pathologischer Myopie ist die chorioidale Neovaskularisation (CNV). Es kommt dabei zu krankhaften Veränderungen, etwa durch kleine Risse zwischen der Ader- und der Netzhaut. Sie werden auch Lacksprünge genannt. Diese wiederum führen dazu, dass sich auf der Makula, also dem Bereich des schärfsten Sehens auf der Netzhaut, neue Blutgefäße bilden, die in die Netzhaut einwachsen. Das Wachstum dieser Blutgefäße kann durch Injektionen, ähnlich wie bei einer Makuladegeneration, aufgehalten werden. Die CNV stellt ein hohes Risiko für eine Erblindung dar.

Schwerpunktthema: Myopie

Kurzsichtigkeit, medizinisch Myopie genannt, wird meistens mit einer Brille oder Kontaktlinsen korrigiert. Doch wer eine hohe Myopie hat, kann trotzdem Probleme in der Schule oder am Arbeitsplatz bekommen, wie zwei Betroffene berichten. Aus Expertensicht beleuchtet ein Augenarzt das Thema. Er erklärt, welche Veränderungen an der Netzhaut durch Myopie entstehen und zu einer Sehbehinderung und auch Blindheit führen können.

  • "Wenn der Augapfel wächst und wächst": Einen Überblick über die weitverbreitete Myopie, auch Kurzsichtigkeit genannt, gibt Ute Stephanie Mansion.
  • "Immer wieder mal: Kopf hoch!", rät Prof. Thomas Ach, Leitender Oberarzt der Augenklinik am Universitätsklinikum Bonn und spricht über Risikofaktoren, Merkmale und Behandlung der pathologischen Myopie.
  • Sehheldin Anne Niesen ist "unterwegs im Niemandsland". Wie sie sich tiefgründig mit ihrer hohen Myopie auseinandersetzt und damit anderen hilft.
  • Linda Pröve ist "gut angekommen in einer neuen Welt" und erzählt von ihrem Weg, der über starke Kurzsichtigkeit über Erblindung hinaus aus einer Krise führte.

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