Der Kleidungsstil hat nichts damit zu tun, wie gut oder schlecht jemand sehen kann. Das zeigen die folgenden Beiträge sehbehinderter und blinder Menschen. Wichtig ist allen, dass sie sich wohlfühlen in ihrer Kleidung. Und sie soll Ausdruck ihrer Persönlichkeit, ihrer Identität sein. Dafür muss sie nicht der neuesten Mode folgen. Was gern getragen wird, ist individuell ganz verschieden.
Stil beginnt auf der Haut
Für mich bedeutet Stil vor allem eines: mich wohlzufühlen – in meiner eigenen Haut und in meiner zweiten Haut, der Kleidung. Sie soll sauber, gepflegt und aus natürlichen Materialien sein.
Stil heißt für mich nicht: Anzug- oder Kostümpflicht im Alltag. Eine Jeans und ein Hoodie können genauso „ich“ sein wie ein Outfit für einen besonderen Anlass.
Ich bin blind. Sehen spielt für meinen Stil also nicht die Hauptrolle. Entscheidend ist, wie sich Stoffe anfühlen, wie etwas sitzt, wie sicher ich mich darin bewege. Und ja, auch der Anlass zählt.
Es macht mir Spaß, mich in Schale zu werfen, wenn es passt. Dank einer Farb- und Stilberatung und sogar einem Personal Shopping ist mein Kleiderschrank heute gut sortiert.
Beim Personal Shopping bin ich mit Farb- und Stilberaterin Julia Fleck einkaufen gegangen – ein Luxus, den ich mir habe schenken lassen. Mit Begleitung einkaufen zu gehen, ist hilfreich und macht Spaß. Doch hebt so ein Personal Shopping das Einkaufen auf ein anderes Level? Mich hat es begeistert, nicht selbst durch das Kaufhaus laufen zu müssen. Alle Kleidungsstücke wurden passend zu meinem Typ ausgesucht – ich brauchte nur noch alles anzuprobieren und weitere Wünsche zu äußern. Schon lief die Beraterin los und brachte einen neuen Stapel Kleidungsstücke.
Kleiner Nachteil: Ich hatte eine große Auswahl und musste entscheiden, was in mein Budget passte und mit nach Hause durfte. Trotzdem überkommt mich manchmal immer noch das Gefühl: Ich habe gar nichts zum Anziehen. Die meisten Frauen können das wohl nachfühlen.
Und falls ich bei der Kleidungswahl doch einmal danebenliege? Dann genieße ich den Abend trotzdem. Stil hat schließlich auch mit Haltung zu tun. Wenn einmal etwas nicht perfekt zusam-menpasst, bediene ich eben mit einem Lächeln das alte Klischee, blinde Menschen könnten sich nicht anziehen. Wir wissen ja alle, dass das nicht stimmt.
Tamara Ströter (57) lebt in Velbert.
Stil und Identität
Ein guter Stil ist für mich weit mehr als das Tragen aktueller Trends. Er ist ein Ausdruck von Freiheit, Selbstbewusstsein, Persönlichkeit, Selbstbestimmtheit, kurz: das Entfalten eigener Identität.
Guter Stil bedeutet für mich, Kleidung zusammenzustellen, auszuwählen und auszupobieren, was zu mir passt. Guter Stil bedeutet, sich in Kleidung wohlzufühlen und Authentizität zu zeigen – statt Modetrends zu folgen, die gar nicht mein „Ich“ sichtbar machen.
Einen eigenen Stil zu entwickeln, ist mir sehr wichtig; es bedeutet, autonom zu sein. Denn Kleidung vermittelt eine Botschaft, die das Selbstwertgefühl stärkt. Ein individueller Stil wird zu wahrer Ausdrucksform, der die Identität und das ästhetische Empfinden widerspiegelt.
Ich richte mich nicht nach den Vorstellungen anderer, danach, wie sie sich kleiden. Häufig führt das nur dazu, dass alle ähnlich aussehen. Unabhängig von Trends wähle ich Kleidungsstücke, die mir gefallen. Daraus entsteht mein persönlicher Stil.
Silja Korn (60) lebt in Berlin.
Mit Hut, Rock und Stock
Warum gut gekleidet sein? Sie sieht es doch eh nicht. Diese Aussage hörte ich schon öfter. Für mich stellt sich diese Frage nicht. Ich bin hochgradig sehbehindert und habe noch einen kleinen Sehrest. Schon als Kind habe ich mich gern schick gekleidet. Röcke und Kleider mochte ich immer lieber als Jeans. Später bei der Deutschen Reichsbahn trug ich mit Stolz Uniform. Natürlich eher Rock als Hose. Auch danach war es für mich im Berufsleben selbstverständlich, stilvoll aufzutreten.
Im Privatleben trage ich gerne kräftige Farben, wobei ich nach wie vor Röcke und Kleider bevorzuge. Schwarz und Grau mag ich gar nicht, einzige Ausnahme sind Hosen. Diese trage ich meistens im Winter und kombiniere sie mit farbigen Pullovern, Blusen und Blazern.
Das ganze Jahr über trage ich Hüte und im Winter Mützen. Sie geben mir nicht nur Blendschutz, sondern unterstreichen auch meine Eleganz. In der Öffentlichkeit falle ich damit oft auf, schon bevor mein Blindenlangstock wahrgenommen wird. Auch im Winter trage ich helle Jacken oder solche in leuchtenden Farben, was mir zudem ein Gefühl von Sicherheit im Straßenverkehr gibt.
Guter Stil bedeutet für mich nicht teuer oder unbedingt modern. Kleidung muss zu mir passen, gut sitzen und meine Weiblichkeit betonen. Mein Stil ist sportlich-elegant.
Make-up nutze ich kaum. Ich fühle mich damit, als hätte ich eine Maske auf. Mit ungepflegten Haaren verlasse ich hingegen nie das Haus.
Stil hat für mich nichts damit zu tun, wie viel ich sehe – sondern wer ich bin.
Kathleen Starke (58) lebt in Schwerin.
Outfit sollte stimmig sein
Durch den Albinismus, den man mir unschwer ansieht, habe ich seit meiner Geburt eine Sehbehinderung. Diese wirkt sich auch auf die Wahrnehmung meiner Umwelt aus. Menschen aus mehreren Metern Entfernung zu erkennen, ist für mich zum Beispiel schwierig bis unmöglich – zumindest, was das Gesicht betrifft. Mimik oder Augenfarben bleiben mir auf Distanz verborgen.
Was ich aber sehr wohl erkenne, sind Silhouetten und die Kleidung der Menschen.
Oft erkenne ich Freunde oder Bekannte schon von Weitem daran, wie sie sich bewegen oder was sie gerade tragen. Die rote Jacke einer Freundin oder der markante Gang eines Kollegen sind für mich wichtige Anhaltspunkte. Das misst dem Kleidungsstil anderer einen besonderen Wert bei, da er mir zur Identifikation dient. Aber auch für mich selbst ist Kleidung etwas Wichtiges und bereitet mir im Alltag viel Freude.
Da ich Farben gut erkennen kann, mag ich es, sie miteinander zu kombinieren. Ich nehme mir Zeit für die Auswahl und achte dabei auch auf Nuancen, kleine Farbtonunterschiede und Muster, die gut zueinander passen. Es macht mir Spaß, das richtige Outfit für einen bestimmten Anlass herauszusuchen, sei es für einen beruflichen Termin oder ein Treffen mit Freunden.
Dabei richte ich mich weniger nach strengen Vorschriften oder den aktuellen Trends aus Modezeitschriften, sondern vielmehr danach, worauf ich gerade Lust habe. Auch die Haptik der Stoffe spielt für mich eine Rolle, also wie sich ein Pullover oder eine Hose anfühlt. Wenn ich mich in meinen Sachen wohlfühle, strahle ich das auch aus.
Am Ende ist mir vor allem eines wichtig: Hauptsache, das Outfit sieht für mich stimmig aus und ich fühle mich darin sicher. Mode ist für mich eben ein Stück Selbstausdruck, mit dem man sich präsentiert – egal, wie gut man sieht.
Marschall Alam (35) lebt in Berlin.
Gern sportlich-elegant
Als vollblinde Frau brauche ich keinen bestimmten Stil, nur meinen eigenen. Für vieles bin ich offen, es muss sich gut anfühlen.
Wichtig ist mir, dass ich mich wohlfühle. Gern verwende ich Lippenstift, ansonsten keine Schminke im Gesicht, denn das hat für mich persönlich etwas von Karneval. Ich trage Ohrringe, habe meine kinnlangen Haare gut geschnitten und bevorzuge sportlich-elegante Kleidung. Nicht unbedingt nach der neuesten Mode, aber schon moderner.
Am liebsten mag ich Kleidung etwas körperbetonter, und solange es kein Rosa, Hellblau oder Mint ist, gehen fast alle Farben – außer bei Hosen. Die sind mir am liebsten in Blau, Weiß, Grau oder Beige in lang, kurz oder dreiviertel.
Oberteile sind für mich sowohl gemustert als auch einfarbig in Ordnung. Dünne Loops in uni als Deko zum Pullover oder Shirt trage ich ebenfalls gern. Ich kaufe oft die gleichen Marken. Mein Mann sucht mit aus, bestellt, und ich entscheide, nachdem ich die Kleidungsstücke anprobiert habe, ob sie mir gefallen. Seine ausführlichen Beschreibungen helfen mir dabei.
Blusen und Röcke sind überhaupt nichts für mich, Kleider meist nur zu festlichen Anlässen oder manchmal im Sommer bei Spaziergängen im Urlaub am Meer. Es gibt auch kaum welche in meinem Schrank.
Es ist für mich von Bedeutung, dass ich ordentlich herumlaufe und positiv wahrgenommen werde. Ich möchte nicht, dass man sagt: „Oh Gott, wie unmöglich schaut denn die blinde Frau aus!“ Doch auch für mich selbst hat ein guter Kleidungsstil einen hohen Stellenwert.
Manuela Dolf (60) lebt in Kaarst.
Schwerpunktthema: Stil
Vielen sehbehinderten und blinden Menschen ist bewusst, dass andere ihr Erscheinungsbild wahrnehmen – auch wenn sie selbst es nicht oder nicht gut sehen. Und es ist ihnen nicht egal, ob ihr Hemd farblich zur Hose passt und das Make-up gut aussieht oder nicht. Wichtig ist ihnen Mode auch als Ausdruck von Selbstbestimmtheit. Alles eine Frage des Stils, der wir in unserem Schwerpunkt nachgehen.
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