Louis Braille Festival 2024: Froh, dabei zu sein

· Lisa Mümmler

Am Anfang gab es gespannte Erwartung und Vorfreude auf rund 160 kleinere und größere Veranstaltungen, die das Louis Braille Festival 2024 zu bieten hatte. In Redebeiträgen bei der Begrüßung und der Verabschiedung wurden bereits unternommene Schritte Richtung Inklusion aufgezeigt und zu weiteren aufgerufen. Am Ende standen die Sonne am Himmel und die Redner glücklich und dankbar auf der Bühne, um auf ein „Festival der Rekorde“ zurückzublicken.

Ein Blick von der Außentribüne auf dem Berliner Platz ins Publikum der Eröffnungsfeier: rechts im Bildvordergrund steht scharf zu sehen Philipp Poisel mit seiner Gitarre, den leicht verschwommenen Besucherinnen und Besuchern zugewandt.
Ein Blick von der Außentribüne auf dem Berliner Platz ins Publikum der Eröffnungsfeier: rechts im Bildvordergrund steht Philipp Poisel mit seiner Gitarre, den Besucherinnen und Besuchern zugewandt.  ·  Bild: DBSV/Reiner Pfisterer

„Froh, dabei zu sein“, sang der bekannte Ludwigsburger Singer-Songwriter Philipp Poisel und eröffnete damit das Louis Braille Festival 2024 in Stuttgart. Die feierliche Eröffnung fand am Nachmittag des 3. Mai, einem Freitag, auf der Außenbühne auf dem sonnigen Berliner Platz statt, wo Stände und Biergarnituren aufgebaut worden waren.

Ramon Babazadeh vom Südwestrundfunk (SWR) moderierte, Tomke Koop begleitete mit Live-Audiodeskription (AD). Sie sorgte während des gesamten Festival-Wochenendes dafür, dass blinde und sehbehinderte Gäste Bühnenauftritte barrierefrei erleben konnten, indem sie Szenen, Kleidung und Gesichtsausdrücke beschrieb und so mit Worten sichtbar machte.

Nach dem musikalischen Auftakt freuten sich Arne Jöns vom Blinden- und Sehbehindertenverband Württemberg (BSV Württemberg), Anne Reichmann von der Nikolauspflege – Stiftung für blinde und sehbehinderte Menschen – und Hans-Werner Lange vom DBSV über 4.500 Anmeldungen, davon etwa 70 von Personen mit Blindenführhund. Und über 160 Programmpunkte, die die Besucherinnen und Besucher erwarteten. Im Namen der drei Organisationen, die das fünfte Louis Braille Festival gemeinsam veranstalteten, begrüßten sie die Anwesenden.

Zu einer Gesprächsrunde über Gedanken sowie geplante und bereits umgesetzte Vorhaben rund um Inklusion, Teilhabe und Barrierefreiheit im Raum Stuttgart traten Vertreterinnen und Vertreter der Lokalpolitik, von Stiftungen und Unternehmen vor das Publikum. „Wenn wir die Gesellschaft als Ganzes sehen, müssen wir ein Interesse daran haben, dass alle Menschen daran teilhaben können. Darum ist dieses Festival so wichtig“, meinte Muhterem Aras, Abgeordnete für den Wahlkreis Stuttgart und Präsidentin des Landtags in Baden-Württemberg.

Barrierefreiheit noch ausbaufähig

Bürgermeisterin Alexandra Sußmann leitet das Referat Soziales und gesellschaftliche Integration der Landeshauptstadt. Sie berichtete von 17 Millionen Euro, die in die Hand genommen wurden und werden, um Stuttgart in verschiedenen Lebensbereichen für Menschen mit Behinderung zugänglicher zu machen. Dazu zählen Freizeitaktivitäten in Sportvereinen, Kulturangebote in Museen, aber auch barrierefreie Apotheken und Arztpraxen. Einig waren sich alle darin, dass man sich auf den Weg gemacht, dass man die richtige Richtung eingeschlagen habe, jedoch noch lange nicht am Ziel sei.

SWR-Intendant und ARD-Vorsitzender Kai Gniffke wies auf 97 Prozent Untertitelung in der ARD hin, betonte jedoch zugleich, dies noch steigern zu wollen: „Nichts ist so gut, dass es nicht verbessert werden könnte.“ Der SWR präsentierte auf dem Louis Braille Festival eine Tatort-Premiere, natürlich mit AD („Letzter Ausflug Schauinsland“).

Ob es eine Live-AD bei der zu dem Zeitpunkt noch bevorstehenden Fußball-Europameisterschaft geben würde, blieb offen. In der Mercedes-Benz-Arena, dem größten Stuttgarter Fußballstadion, beschreiben Reporterinnen und Reporter ehrenamtlich die Heimspiele des VfB Stuttgart für blinde und sehbehinderte Fans. Steffen Lindenmaier, Geschäftsführer der VfB-Stiftung „Brustring der Herzen“, sprach von Überlegungen, dies nicht länger über eine begrenzte Anzahl an zu vergebenden Kopfhörern zu tun, sondern zusätzlich eine App dafür zu entwickeln, auf die jede und jeder über ein Smartphone Zugriff hat.

Eine gute Zeit, Perspektivwechsel, spannende Begegnungen, Gründe zu feiern und wertvollen Austausch: Das alles wünschten sich alle, die an den Gesprächsrunden teilgenommen hatten, für die Festivaltage, bevor sie Philipp Poisel erneut die Bühne überließen.

Auf der Außentribüne stehen Von links nach rechts Hans-Werner Lange (DBSV), Anne Reichmann (Nikolauspflege) und Arne Jöns (BSV Württemberg) und begrüßen die Festivalgäste.
Auf der Außentribüne stehen Von links nach rechts Hans-Werner Lange (DBSV), Anne Reichmann (Nikolauspflege) und Arne Jöns (BSV Württemberg) und begrüßen die Festivalgäste. · DBSV/Reiner Pfisterer
Tomke Koop beschreibt das Geschehen auf dem Berliner Platz und macht es so für blinde und sehbehinderte Festivalgäste sichtbar. Sie hält ein Mikrofon und ein Tablet in der Hand.
Tomke Koop beschreibt das Geschehen auf dem Berliner Platz und macht es so für blinde und sehbehinderte Festivalgäste sichtbar. Sie hält ein Mikrofon und ein Tablet in der Hand. · DBSV/Reiner Pfisterer

Das Festival der Rekorde geht mit großem Zuspruch zu Ende

Drei Tage später hieß es Abschied nehmen: Unter blauem Himmel und bei hellem Sonnenschein ging das Louis Braille Festival 2024 am Sonntagnachmittag, 5. Mai, zu Ende. Zum Ausklang des Rekordevents fanden sich auf dem Berliner Platz mehrere hundert Menschen ein. Das Festival hatten insgesamt, so wird geschätzt, mehr als 5.000 Gäste besucht.

Der Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper hob die „wunderbare und stimmungsvolle Festivalatmosphäre“ hervor. Das erlebte Louis Braille Festival stehe für einen großartigen Zuschauerzuspruch, für ein sehr gutes, nach vorne gerichtetes Motto: „Wir feiern das Miteinander. Barrieren erkennen und gemeinsam überwinden.“ Die Stadt Stuttgart habe gezeigt, dass sie blinden und sehbehinderten Menschen zugewandt ist. Dauerhafte Spuren wird die Großveranstaltung nicht nur in der Erinnerung hinterlassen, sondern auch durch die eigens dafür verlegten Blindenleitsysteme, die weiterhin Bestand haben werden.

„Wenn wir zusammenwirken, sind wir in der Lage, für blinde und sehbehinderte Menschen viel zu bewegen. Wir merken, dass es gelingt, diese Gedanken in die Gesellschaft zu tragen“, sagte DBSV-Geschäftsführer Andreas Bethke und hob auch die starke Außenwirkung des Festivals durch großflächige Werbemaßnahmen und umfangreiche Berichterstattung in Zeitung, Radio, Fernsehen und Social Media hervor.

Auch innerhalb der Selbsthilfe habe das Festival positiv gewirkt, betonte Anne Reichmann, Vorstandsvorsitzende der Nikolauspflege: Die Zusammenarbeit habe sich intensiviert, neue Strukturen seien geschaffen worden und weitere schöne Projekte entstünden gerade. Der Vorsitzende des BSV Württemberg, Arne Jöns, schloss mit großem Dank an die mehr als 50 Unterstützer des Festivals, insbesondere an alle haupt- und ehrenamtlich Mitwirkenden, die das „Festival der Rekorde“ in mehr als dreijähriger Vorbereitung möglich gemacht haben.

Unter dem weißen Zelt der Außentribüne sammeln sich symbolisch viele Helferinnen und Helfer, die das Louis Braille Festival möglich gemacht haben. Einige tragen das offizielle Festival-T-Shirt, vier von ihnen halten große Blumensträuße.
Unter dem weißen Zelt der Außentribüne sammeln sich symbolisch viele Helferinnen und Helfer, die das Louis Braille Festival möglich gemacht haben. Einige tragen das offizielle Festival-T-Shirt, vier von ihnen halten große Blumensträuße.  ·  Bild: DBSV/Reiner Pfisterer

Schwerpunktthema Das Louis Braille Festival 2024

Musik, Stimmengewirr, Lachen – schon die Geräuschkulisse spiegelte die Vielfalt der Aktionen, die fröhliche Stimmung und die zahllosen Begegnungen beim Louis Braille Festival (LBF) Anfang Mai in Stuttgart wider. Mehr als 5.000 Besucherinnen und Besucher machten mit bei Workshops, Sport und Spiel, hörten Lesungen und Konzerte, genossen die großen Shows, probierten Dinge aus, lernten etwas, tanzten und knüpften Kontakte. Manche hätten gern länger als drei Tage gefeiert.

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