Blind auf dem Land: Wichtig: Soziale Kontakte pflegen!
Interview mit Silvia Hame

· Ute Stephanie Mansion

Silvia Hame ist Erste Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenvereins für das Saarland. Wo sie wohnt, gibt es noch ein paar Einkaufsmöglichkeiten, in den Dörfern ringsumher nicht. Über die Herausforderungen sehbehinderter und blinder Menschen, die auf dem Land leben, berichtet Silvia Hame im Interview mit den „Sichtweisen“.

Silvia Hame hat halblange, graue Haare. Sie trägt einen dunklen Blazer über einem blumigen Oberteil.
Silvia Hame  ·  Bild: DBSV/A.Friese

Frau Hame, wie ländlich ist Ihre eigene Wohnsituation?

Ich wohne in einem Ort namens Niederkirchen, der nur noch rund tausend Einwohner hat. Seit der Gemeindereform Mitte der Siebzigerjahre gehören wir zur Kreisstadt St. Wendel – Niederkirchen ist also ein Stadtteil von St. Wendel. Es ist aber sehr ländlich, eher ein Dorf mit Kirche und ein paar Häusern.

Wie sieht es mit der Infrastruktur dort aus?

Die gibt es zum Glück noch, weil Niederkirchen das größte Dorf unter den umliegenden Dörfern ist. Wir haben noch einen Kindergarten, eine Grundschule, einen praktischen Arzt, einen Zahnarzt, einen Steuerberater, eine Apotheke und eine Praxis für Physiotherapie. Außerdem eine Sparkasse mit barrierefreiem Geldautomaten, einen CAP--Markt, ein Weinlädchen, ein Lottogeschäft, ein Reisebüro, ein Versicherungsbüro und einen Bäckerladen. Wir sind eigentlich ganz gut versorgt, und auch die Situation mit den Bus ist ein bisschen besser geworden. Trotzdem fährt er tagsüber nur alle zwei Stunden und nach 18 Uhr gar nicht mehr. Man kommt dann ohne Auto nicht mehr weg und vor allem nicht mehr nach Hause.

Was ist Ihrer Meinung nach das größte Problem für blinde und sehbehinderte Menschen, die auf dem Land leben?

Das ist die Mobilität. Wenn man noch ländlicher wohnt als ich, wird es noch schwieriger mit den Busverbindungen. Viele Menschen werden ja erst im Alter sehbehindert oder blind und tun sich dann schwer, vom Auto auf den Bus umzusteigen. Trotz Mobilitätstraining trauen sich manche dann nicht, den Bus zu nehmen, um in die Stadt zu fahren oder in die nächste Gemeinde. Es gibt auch nicht so viele Busverbindungen, die man nutzen könnte. Das ist ein Riesenproblem auf dem Land.

Von welchen Schwierigkeiten berichten die Mitglieder des Blinden- und Sehbehindertenvereins für das Saarland Ihnen noch, etwa, was Einkaufsmöglichkeiten betrifft?

Bei mir ist die Lage ja relativ gut, aber die Orte drumherum haben all das, was ich genannt habe, nicht. Die Menschen, die dort wohnen, müssen zum Beispiel alle zu uns kommen. Für diejenigen, die noch ländlicher wohnen, ist die Situation hinsichtlich Einkaufsmöglichkeiten noch problematischer. Da ist es wichtig, jemanden zu haben, der einem hilft. Oder man muss sehen, ob es Lieferdienste gibt, weil man nicht einfach mal zum Bäcker oder zum Metzger gehen kann. Das ist leider nicht mehr so wie vor 50 Jahren. Ich empfehle, sich einen gewissen Vorrat an Lebensmitteln anzulegen, wenn man nicht mehr mobil ist.

Mit der ärztlichen Versorgung sieht es wahrscheinlich auch nicht gut aus in den kleineren Städten und Dörfern, oder?

Es geht noch einigermaßen. Es gibt ländliche Gebiete, in denen die ärztliche Versorgung noch viel schlechter ist als bei uns im Saarland. Aber es ist schon mit Aufwand verbunden, einen Arzttermin auch beim praktischen Arzt, also beim Hausarzt, zu bekommen und dann dorthin und wieder nach Hause zu kommen.

Wie beurteilen Sie die Hilfe innerhalb von Familien oder die Nachbarschaftshilfe in den kleineren Städten und Dörfern? Funktioniert die heutzutage noch gut?

Das hängt ein bisschen davon ab, wie integriert man ist. Wenn man dort groß geworden ist, kennt man oft viele aus den gleichen Jahrgängen. Man hat Nachbarn, die in der Regel auch schon lange Nachbarn sind, und hat soziale Kontakte.

Das Pflegen der sozialen Kontakte ist sehr wichtig, denn dann kann man auch mal um Hilfe bitten. Es muss allerdings eine gegenseitige Hilfe sein, also dass man auch den Nachbarn Hilfe anbietet, indem man sie mal einlädt oder ihre Dienste honoriert. Es muss sich ausgleichen, weil es sonst schwierig wird mit der nachbarschaftlichen Hilfe.

Auf dem Land sind jedoch viele hilfsbereit. Als mein Mann nicht Auto fahren konnte, haben mir vier, fünf Leute sofort angeboten, mich zu fahren. Das ist schon toll. Man muss die Hilfe ja auch nicht immer von derselben Person annehmen, beim Fahren können sie sich zum Beispiel abwechseln. So belastet man die sozialen Kontakten nicht zu arg.

Wenn die Familie in der Nähe ist, ist das natürlich hilfreich, aber oft wohnen die Kinder von älteren betroffenen Menschen aus beruflichen Gründen weit weg. Sie können dann meistens nur noch per Telefon oder übers Internet helfen.

Jedenfalls ist es wichtig, die sozialen Kontakte zu pflegen und vielleicht auch am Vereinsleben teilzunehmen. Wenn die Kontakte einmal abgebrochen sind, ist es schwierig, neue aufzubauen.

Inwiefern hilft der Blinden- und Sehbehindertenverein für das Saarland seinen Mitgliedern im ländlichen Raum?

Das Saarland ist ja das kleinste Flächenland, aber es ist fast alles ländlicher Raum, von Saarbrücken mal abgesehen. Wir haben sechs Treffpunkte im Saarland und können nicht groß mit Fahrdiensten helfen, die der Verein übernimmt. Diejenigen, die regelmäßig einen Treffpunkt besuchen, werden oft von sehenden Personen abgeholt.

Für die offiziellen Versammlungen – also Bezirksversammlungen, Adventsfeier, Mitgliederversammlung – bieten wir einen Fahrdienst an. Ein Sammeltaxi holt die Leute zu Hause ab und bringt sie auch wieder nach Hause. Sie zahlen dafür zurzeit einen Eigenanteil von 20 Euro, doch wir müssen schauen, ob das bei der aktuellen Preissteigerung so bleiben kann. Den Rest der Kosten für das Sammeltaxi trägt im Moment der Verein.

Warum, glauben Sie, bleiben viele Menschen auf dem Land wohnen, auch wenn ihr Sehvermögen stark nachlässt oder sie erblinden?

Weil sie sich da eingerichtet haben und wohlfühlen, vielleicht schon Jahrzehnte dort wohnen, sich auskennen und die Nachbarschaft schätzen. Man geht halt ungern aus einer bekannten Umgebung weg, wenn es nicht unbedingt sein muss. Ein Umzug in die Stadt ist auch ein Kostenfaktor. Auf dem Land ist die Eigentumsrate recht hoch, die Menschen wohnen in der Regel in ihrem eigenen Haus. In der Stadt müssten sie wahrscheinlich Miete zahlen, und das ist halt eine Kostenfrage.

Das Saarland wird in diesem Jahr mit einem Blickpunkt-Auge-Angebot starten. Erzählen Sie ein wenig darüber, was geplant ist.

Wir haben einen Antrag bei Aktion Mensch gestellt, der im Februar bewilligt wurde. Nun wollen wir im Juli oder im Herbst mit dem Beratungsangebot „Blickpunkt Auge“ starten. Zurzeit richten wir unser Beratungsbüro in Saarbrücken ein und suchen eine hauptamtliche Kraft zur Unterstützung in der Beratung und für die Pflege der Internetseite, eventuell auch als Begleitung für Hausbesuche. Die konnten wir bisher leider nicht machen. Drei Betroffene aus unserem Verein wurden für die Beratung ausgebildet, der vierte wird es gerade. Es ist auch geplant, in zwei weiteren Städten, in Saarlouis und St. Wendel, ein Blickpunkt-Auge-Beratungsangebot zu etablieren.

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