Torsten Gunkel hat sich als blinder Mensch bewusst für ein Leben auf dem Land entschieden. Umgeben von Feldern, Ruhe und Gemeinschaft fühlt er sich wohl. Er erzählt, warum das Dorf für ihn Freiheit bedeutet und ihn unabhängiger macht als die Stadt. Gleichzeitig erlebt er jedoch auch, wie wenig barrierefrei das Leben auf dem Land oft noch ist.
Der Regionalzug schiebt sich durch grüne und gelbe Felder, vorbei an Seen und verfallenen Backsteinhäusern. „Nächste Station: Dorf Mecklenburg.“ Das gleichnamige Dorf in Mecklenburg-Vorpommern liegt 35 Minuten von der Landeshauptstadt Schwerin entfernt und nicht weit von der Ostsee. Hier hält der Zug einmal pro Stunde und ermöglicht es auch Torsten Gunkel, einem blinden Mann Anfang 60, auf dem Dorf zu leben.
Was für Menschen aus der Stadt schwer vorzustellen sein mag, ist für ihn ganz normal: „Die andere Welt ist für mich irre“, sagt er über das Stadtleben. Bei meinem Besuch in Dorf Mecklenburg erzählt er, was für ihn ein gutes Leben auf dem Land ausmacht.
Torsten Gunkel hat nicht sein ganzes Leben lang auf dem Dorf gewohnt. Er hat viele Jahre in München gelebt und ist für eine Stelle bei der Staatsanwaltschaft in die Nähe von Schwerin gezogen. Seit seiner Geburt hat er eine Hornhautverkrümmung und Augenzittern (Nystagmus). Durch AMD und Grauen Star ist er vor wenigen Jahren erblindet. Da sein Arbeitsplatz nicht rechtzeitig für ihn ausgestattet werden konnte, ist er in Rente gegangen.
Familienleben in ländlicher Idylle
In Dorf Mecklenburg wohnt er seit mehr als 20 Jahren zusammen mit seiner Frau. Sie haben vier Kinder großgezogen, die mittlerweile zum Großteil ausgezogen sind. Der Ort mit rund 3.000 Menschen ist von Feldern umgeben. Um die Dorfkirche ordnen sich eine Kindertagesstätte, ein Supermarkt und Familienbetriebe, sogar ein Agrarmuseum und Restaurants gibt es. Blühender Flieder rahmt die Einfamilienhäuser mit DDR-Charme. In Dorf Mecklenburg gewinnt man den Eindruck, dass die Gemeinschaft stolz auf ihre historischen Gebäude und die Spuren der ehemaligen „Mecklenburg“ ist, einem kreisrunden Hügel hinter dem Dorf. „Hier gibt es alles“, sagt Torsten Gunkel. „Weiter im Osten ist das anders, da steht mehr leer.“
Das Stadtzentrum liegt jedoch mehrere Kilometer von seinem Zuhause entfernt. Für größere Besorgungen und Arztbesuche muss Torsten Gunkel nach Schwerin oder Wismar. Die Bahnanbindung ist für ihn essenziell. Am „Milchkannenbahnhof“, wie Gunkel die Haltestelle in Dorf Mecklenburg nennt, halten Züge einmal pro Stunde. Busse ergänzen das Angebot. Damit ist er unabhängig unterwegs. Sollten Busse und Bahnen einmal nicht fahren, bekommt der 64-Jährige Unterstützung von seiner Frau oder seinen Kindern. „Sie haben mich schon oft gefahren, wenn es nötig war“, erzählt er sichtlich dankbar. „Ich habe eine tolle Familie. Sie macht viel für mich und mit mir. Und ich konnte sie noch sehen, insofern ist alles gut.“
Blind an der Kreissäge
Torsten Gunkel kostet das Landleben aus. Von der Terrasse seines Hauses geht es in einen Garten voller Obstbäume und Sitzgelegenheiten. Seine Tochter kann mit ihrem Hund vorbeikommen, der hier ebenfalls viel Platz hat. Sie wünschte sich zwei Kirschbäume, die hat er gepflanzt. Mittlerweile tragen sie grüne Blätter. „Das habe ich alleine gemacht, es ging wunderbar“, sagt er nicht ohne Stolz. Besonderes Selbstbewusstsein gibt ihm allerdings seine Werkstatt, in der er Schreiner- und Reparaturarbeiten erledigt. Dass das Bedienen einer Kreissäge oder Bohrmaschine auch blind möglich ist, hat er von seinem Lehrer in Lebenspraktischen Fähigkeiten gelernt. Zum Glück war der Lehrer in Marburg selbst gelernter Schreiner und konnte ihm wichtige Anleitungen für einen sicheren Arbeitsplatz in der Werkstatt geben. „Lass dir von niemandem sagen, dass du etwas nicht kannst. Du kannst alles!“ Diese Botschaft möchte Torsten Gunkel nun wiederum an andere blinde und sehbehinderte Menschen weitergeben. Als Leiter der Gebietsgruppe Schwerin versucht er, dies auch auf Vereinsebene umzusetzen.
Anders als beispielsweise in Marburg, wo die Stadt auf blinde Menschen eingestellt ist, sind die Menschen in seiner Umgebung dem Leben mit Sehbehinderung gegenüber ignoranter. So hat ihm beispielsweise ein Busfahrer empfohlen, genauer hinzusehen, um den Schwerbehindertensitzplatz zu finden, und Mitarbeitende auf dem Amt haben nur mit seiner Frau gesprochen. Da kann er nur den Kopf schütteln und sich ärgern. Viele Menschen seien den Umgang mit blinden oder sehbehinderten Menschen nicht gewöhnt.
Entspannter als in der Stadt
„Ich habe in 20 Jahren hier im Dorf nur einmal einen anderen Langstock gehört“, sagt Torsten Gunkel. Dieser muss, so wie er selbst, vergeblich nach Leitstreifen gesucht haben. Auch viele Ampeln sind ungeeignet. Barrierefreiheit ist hier in der Fläche nicht gewährleistet. Nur eine sprechende Anzeigetafel überrascht am Bahnhof.
Gleichzeitig ist der Verkehr auf dem Land viel übersichtlicher. Torsten Gunkel hat den Eindruck, auf dem Dorf ungefährlicher zu leben als in der Stadt. „Wenn ich die Straße queren will, warte ich, bis die drei Autos vorbeigefahren sind, die hier in der Stunde vorbeikommen. Dann kann ich gehen. Das Leben ist entspannter als in der Stadt“, findet er. Wenn er in einer großen Stadt mit dem Langstock unterwegs sei, fühle er sich nach wenigen Stunden erschöpft.
Hier in Dorf Mecklenburg kann er in seinem eigenen Rhythmus leben. „Wir lieben die Ruhe. Und wir wollen hierbleiben.“
Schwerpunktthema: Blind auf dem Land
Ländliche Regionen stehen für Ruhe, Natur und Gemeinschaft. Für blinde und sehbehinderte Menschen bringen sie jedoch oft besondere Herausforderungen mit sich. Fehlende Barrierefreiheit, weite Wege und ein eingeschränktes Mobilitäts- und Versorgungsangebot prägen vielerorts ihren Alltag. Gleichzeitig entscheiden sich manche bewusst für das Leben abseits der Stadt. Unser Schwerpunkt beleuchtet die Hürden, aber auch die Vorteile des Lebens auf dem Land.
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