Braille 200: Braille lernen lohnt sich

· Mike Dallmann

„Die Braille-Worker: Meine Arbeit mit Braille“: So heißt die Reihe, mit der wir in diesem Jahr an das 200-jährige Bestehen der Brailleschrift erinnern. Der damals 16-jährige Schüler Louis Braille hat sie 1825 fertigentwickelt. In unserer Reihe berichten Menschen, wie sie beruflich oder ehrenamtlich mit der Brailleschrift arbeiten. Folge 2: Vom Lernen, Punzieren und Korrekturlesen erzählt ein Mitarbeiter des Deutschen Zentrums für barrierefreies Lesen.

Mike Dallmann hält rechteckige Punzierplatten aus Zink in den Händen. Er hat kurzes Haar, eine hohe Stirn und trägt ein Kapuzenshirt. Im Hintergrund ist ein Regal zu sehen.
Mike Dallmann, Mitarbeiter des dzb lesen  ·  Bild: dzb lesen

Mein Name ist Mike Dallmann, ich bin 60 Jahre alt, späterblindet und arbeite seit 1990 im Deutschen Zentrum für barrierefreies Lesen (dzb lesen), früher Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB). Meine erste Berührung mit der Brailleschrift hatte ich im Herbst 1979. Damals war ich sehbehindert und besuchte die zehnte Klasse der Sehschwachenschule Leipzig. In einem Kurs erlernte ich die Voll- und später die Kurzschrift, übrigens hier im Haus in Leipzig. Das war schon heftig: nach der Schule zum Schulschwimmen und dann um 16.30 Uhr zum Blindenschrift-Lernen! Dabei konnte ich doch noch halbwegs sehen!

Nach Beendigung der Schulzeit im Sommer 1980 ging ich ins Rehabilitationszentrum „Dr. Salvador Allende“ Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) zu einem Kurs Elementar-Rehabilitation, was heute den Lebenspraktischen Fähigkeiten entsprechen würde. Dort wurde neben Schreibmaschine-Schreiben, Langstocktechnik und vielem mehr auch die Brailleschrift vermittelt und gelernt. Für uns Jugendliche mit Sehbehinderung war die Versuchung groß, die Punkte nicht mit den Fingern, sondern mit den Augen zu lesen; das wurde natürlich nicht gern gesehen.

Hilfreiche Braille-Notizen

1981 begann ich in Karl-Marx-Stadt die Ausbildung zum Facharbeiter für Schreibtechnik. Dabei spielte die Brailleschrift wieder eine herausragende Rolle für mich (neben der Braille-Stenografie als Bestandteil der Ausbildung). Meine Aufzeichnungen in den diversen Unterrichtsfächern hatte ich damals Gott sei Dank schon in Punktschrift angefertigt, was mir in der Folgezeit sehr half, denn während der Jahre der Ausbildung erblindete ich. So konnte ich aber das notierte Lehrmaterial lesen.

Nach der Ausbildung – nun erblindet – arbeitete ich gut fünf Jahre in einem Staatsbetrieb der DDR, wo Braille-Steno keine Rolle spielte, da die Schreibarbeiten auf Tonträger aufgesprochen wurden.

1990 wechselte ich in die DZB, heute dzb lesen. Dort war ich zuerst als Telefonist tätig und von 1998 an in der Abteilung Blindenschrift, die jetzt BGE (Brailleschrift – Großdruck – E-Book) heißt. Dort habe ich zunächst Bücher in alter Kurzschrift in neue Kurzschrift übertragen und im Jahr 2000 die Stelle als Punzierer übernommen. Als Punzieren bezeichnet man, abgeleitet vom Punzen, das Prägen von Brailleschrift in Zinkplatten oder Kunststoff-Folien. Diese werden als Matrizen, also Schablonen für die Vervielfältigung, für die Herstellung von Zeitschriften oder Büchern verwendet. Diese Arbeit hat mir viel Spaß gemacht. Es ist ein eigenständiges, eigenverantwortliches Arbeiten, und die Kenntnis der Brailleschrift ist für die Erfüllung der Aufgaben zwingend erforderlich. So besteht zum Beispiel in der Punziererei die letzte Möglichkeit, eventuell aufgetretene Fehler im Text zu korrigieren. Leider fällt diese Tätigkeit immer weniger an.

Herausforderungen des Korrekturlesens

Bei der Arbeit ist mir neben der Sprachausgabe die Braillezeile eine wichtige Hilfe. In den 2000er und 2010er Jahren wurden noch weitaus mehr Zeitschriften und Bücher punziert als heute. Neben dem Punzieren übernahm ich dann auch das Korrekturlesen, zuerst von Vollschrift-, dann auch von Kurzschrift-Büchern. Da bekommt man es mitunter mit spannenden und wissenswerten, manchmal auch weniger interessanten Büchern zu tun.

Die Herausforderung beim Korrekturlesen besteht meiner Meinung nach darin, sich nicht in erster Linie auf den Text zu konzentrieren, sondern auf die richtige Schreibweise, die korrekte Anwendung der Kürzungen oder der Trennungen, mit dem Text übereinstimmende Inhaltsverzeichnisse, die vorgeschriebenen Absätze und Einrückungen und vieles mehr zu achten. Dies alles muss über mehrere Stunden mit voller Konzentration geleistet werden. Dabei ist gegebenenfalls auch zwischen alter und neuer Kurzschrift bzw. alter und neuer Rechtschreibung zu unterscheiden – und seit einiger Zeit auch auf die Darstellungen aus der digitalen Welt in Braille.

Zwei große, dunkelbraune Türen bilden das Eingangsportal zum dzb lesen. Sie befinden sich oberhalb einer mit gelben Streifen markierter Treppe. Rechts vor dem Haus ist ein Schild, auf dem "dzb lesen - Deutsches Zentrum für barrierefreies Lesen" steht.
Das Eingangsportal des dzb lesen  ·  Bild: dzb lesen

Im privaten Bereich nutze ich die Brailleschrift sicher wie jede andere Nutzerin, jeder andere Nutzer auch: mal ein gutes Buch lesen, Gegenstände beschriften, am heimischen PC arbeiten.

Braille überall: In Beruf und Freizeit, Musik und Schach

Brailleschrift macht eine Menge möglich: in der Schule, in der Fortbildung, in Beruf und Freizeit – in allen möglichen Gebieten, unter anderem auch in der Musik und im Schach.

Ich finde es sehr schade, dass immer weniger mit den Fingern auf Papier gelesen wird – Hör-CD statt Braillebuch, Internet statt Zeitschrift. Alles hat seine Berechtigung, die Zeiten ändern sich, und die Erstellung eines Buches oder einer Zeitschrift dauert eben, da sind andere Medien schneller und dadurch aktueller. Aber wenn der Strom mal weg ist – keine Info! Natürlich ist die Brailleschrift nicht vollkommen und weist einige Merkwürdigkeiten auf, zum Beispiel das Wort „Säge“: P.5, sge statt sä und ge-Zeichen (vier statt drei Zeichen), bei „vornehm“ und „vornherein“ liest man erst in der Mitte des Wortes, was gemeint ist und Ähnliches mehr.

Ich würde mir wünschen, dass jeder blinde Mensch, auch der späterblindete, zumindest die Vollschrift erlernt. Es lohnt sich!

Schwerpunktthema: Braille 200: Die Braille-Worker

„Die Braille-Worker: Meine Arbeit mit Braille“: So heißt die Reihe, mit der wir in diesem Jahr an das 200-jährige Bestehen der Brailleschrift erinnern. Der damals 16-jährige Schüler Louis Braille hat sie 1825 fertigentwickelt. In unserer Reihe berichten Menschen, wie sie beruflich oder ehrenamtlich mit der Brailleschrift arbeiten.

  • Folge 1: "Lernen und lehren mit Humor"
    Braille-Lehrkräfte für Erwachsene ausbilden – eine DBSV-Mitarbeiterin erzählt von ihren Erfahrungen mit dem Projekt „Punktum“.
  • Folge 2: "Braille lernen lohnt sich!"
    Vom Lernen, Punzieren und Korrekturlesen erzählt ein Mitarbeiter des Deutschen Zentrums für barrierefreies Lesen.

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