Myopie: Immer wieder mal: Kopf hoch!
Interview mit Prof. Thomas Ach

· Ute Stephanie Mansion

Prof. Dr. Thomas Ach ist Leitender Oberarzt und stellvertretender Klinikdirektor der Augenklinik am Universitätsklinikum Bonn und Experte der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft. Im Interview erläutert er Risikofaktoren und Merkmale der pathologischen Myopie. Eine gute Nachricht: Neubildungen von Blutgefäßen lassen sich mit Injektionen unterdrücken. Bei Kindern und Jugendlichen wird auch ein Medikament angewendet.

Prof. Dr. Thomas Ach blickt lächelnd in die Kamera. Er hat dunkles kurzes volles Haar mit geradem Ansatz. Er trägt ein schwarzes Sakko und ein weißes Hemd.
Bild: privat

Herr Prof. Dr. Ach, gibt es Kriterien, mit denen eine Myopie von einer pathologischen Myopie abgegrenzt wird, oder fallen alle möglichen strukturellen Veränderungen der Netzhaut, die mit Kurzsichtigkeit einhergehen, unter den Begriff pathologische Myopie?

Nicht alle degenerativen Veränderungen fallen automatisch unter den Begriff der pathologischen Myopie. Es gibt klar umrissene Kriterien, um eine einfache oder auch hohe Myopie von einer pathologischen Myopie abzugrenzen. Wir legen da quantitative Kriterien zugrunde. Die Länge des Augapfels ist eines der wichtigsten Kriterien. Eine Länge des Augapfels über 26,5 Millimeter und gleichzeitig vorhandene degenerative Veränderungen am hinteren Augenpol gehören dazu. Wenn beides zusammenkommt, ein überlanges Auge kombiniert mit Veränderungen am Augenhintergrund, dann spricht man von einer pathologischen Myopie.

Die pathologische Myopie kann aber aus einer hohen Myopie heraus entstehen, oder?

Jemand mit pathologischer Myopie hat wahrscheinlich im Laufe der Entwicklung der Myopie, also während des Längenwachstums des Auges, auch die hohe Myopie durchlaufen. Wenn eine gewisse Grenze überschritten ist und die zugehörigen Veränderungen vorliegen, ist die pathologische Myopie eingetreten.

Welche strukturellen Veränderungen am Augenhintergrund können auftreten?

Das zu erkennen, ist manchmal trickreich, weil diese Veränderungen zum Teil denen ähneln, die altersbedingt auftreten, insbesondere durch die Altersbedingte Makuladegeneration. Aushöhlungen durch Dehnungen des Augapfels sind jedoch typisch für die Myopie. Zudem kann es Veränderungen im Bereich des Retinalen Pigment-Epithels und der Photorezeptoren geben; das sind die Sinneszellen im Auge. Wenn diese Struktur gestört ist, kann es Schwierigkeiten in der Funktion geben.

Charakteristisch für pathologische Myopie ist auch das Auftreten von chorioidaler Neovaskularisation. Ähnlich wie bei der AMD kommt es zur Neubildung von Gefäßen, bei denen Blut in oder unter die Netzhaut gelangt. Auch Veränderungen am Sehnerv und Ausdünnungen der Sehnervfasern sind ein typisches Zeichen für eine pathologische Myopie.

Ist pathologische Myopie erblich bedingt?

Es gibt viele Hinweise darauf, dass die Genetik eine wichtige Rolle spielt, aber es ist normalerweise keine monogenetische Erkrankung. Das würde bedeuten, dass immer, wenn an einem bestimmten Gen Veränderungen nachweisbar sind, es zu einer Myopie oder auch pathologischen Myopie kommt. Es ist eher eine multifaktorielle Erkrankung, aber die Genetik ist auch von Bedeutung bei der Entstehung der pathologischen Myopie. Man weiß das aus Zwillings- und Familienstudien, aus denen entsprechende genetische Muster abgeleitet werden konnten.

Wer trägt ein Risiko, an hoher oder pathologischer Myopie zu erkranken?

Es gibt ein Zusammenspiel verschiedener genetischer Faktoren, die eine Rolle spielen und die dafür viel-leicht etwas anfälliger machen, eine pathologische Myopie zu entwickeln. Doch auch Lebensstil- und Umweltfaktoren sind relevant, zum Beispiel die Beleuchtung. Die augenbezogenen Risikofaktoren sind ein hohes und langes Auge. Wir sprechen bei der Myopie immer von gewissen Dioptrienzahlen. Wenn ein Minus vor Ihrer Dioptrienzahl auf dem Brillenrezept steht, ist es Myopie, also Kurzsichtigkeit. Aber die Dioptrienzahl allein ist nicht immer ausschlaggebend, weil ein langes Auge sich auch manchmal anders in der Refraktion, also der Brechkraft des Auges, ausdrücken kann. Eine Myopie von minus sechs Dioptrien bedeutet nicht immer gleich eine pathologische Myopie.

Gibt es neuere Studien, die Menschen mit hoher oder pathologischer Myopie Hoffnungen auf Therapiefortschritte machen können?

Wir haben aktuell keine Möglichkeiten, bei einer pathologischen Myopie die degenerativen Veränderungen am Augenhintergrund rückgängig zu machen. Wir müssen auf Vorsorge achten, wenn wir Veränderungen sehen. Sie lassen sich mit einer einfachen funduskopischen Untersuchung oder durch eine Optische Kohärenztomografie sehr gut nachweisen.

Beim Auftreten von Neovaskularisation, also der Neubildung von Gefäßen, behandeln wir ähnlich wie bei der Altersbedingten Makuladegeneration: mit Injektionen ins Auge. So werden Medikamente direkt an die betroffene Stelle gebracht, meistens in die Makula. Die Gefäßneubildungen können da-durch gut unterdrückt werden. Normalerweise sind auch keine langwierigen oder gar lebenslangen Therapien notwendig; manchmal genügen bereits wenige Injektionen ins Auge.

Es gab in den vergangenen Jahren viele Untersuchungen zur Therapie mit Medikamenten, die das weitere Wachstum des Augapfels verhindern sollen. Außerdem werden Therapien mit speziellen Brillen oder Kontaktlinsen angeboten: Damit werden die Bilder am Augenhintergrund verändert abgebildet, was spezielle Reize setzen und das weitere Wachstum des Auges dadurch verlangsamen soll.

Die Zahl kurzsichtiger Menschen steigt weltweit. Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle, und wie wird sich das möglicherweise in einigen Jahrzehnten auswirken?

In Asien sind viel mehr Menschen von Myopie betroffen als hier, vor allem jüngere. Dagegen muss etwas getan werden, und eine Möglichkeit ist, mit Medikamenten das weitere Wachstum des Auges zu verringern. Insbesondere kommt dabei Atropin zum Einsatz. Das setzt voraus, dass die Betroffenen im Vorfeld augenärztlich untersucht werden. Man muss wissen, wie schnell bei ihnen der Augapfel wächst. Das kann man heute recht gut feststellen.

Wird Atropin nur bei Kindern und Jugendlichen verabreicht oder auch bei Erwachsenen?

Momentan nur bei Kindern und Jugendlichen, denn normalerweise ist das Wachstum des Auges mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter abgeschlossen. Es kann jedoch sein, dass es bei den hohen und den pathologischen Myopien noch etwas weiter voranschreitet.

Eine andere Möglichkeit ist, den Gebrauch von Smartphones und Tablets einzuschränken. Es gibt eine einfache Regel: Nach 20 Minuten Gebrauch sollte man den Blick heben und 20 Sekunden lang in die Ferne blicken, um das Auge wieder an das Weitsehen zu gewöhnen. Ebenso ist eine gute Beleuchtung wichtig, dass Ihr Umfeld entsprechend ausgeleuchtet ist. Darauf sollten Sie achten.

Kinder und Jugendliche sollten viel draußen sein, weil das Tageslicht, insbesondere das Sonnenlicht, wohl Faktoren enthält, die für die Entwicklung des Auges wichtig sind und das Fortschreiten einer Myopie entscheidend verlangsamen können.

Neulich habe ich den Begriff Myopie-Management gehört. Was ist darunter zu verstehen?

Das ist ein umfassender Begriff für viele Tätigkeiten, die Augenärzte und Augenärztinnen machen. Es ist ein längerfristiger Ansatz, mit dem das Voranschreiten der Kurzsichtigkeit und damit das Augenlängenwachstum gezielt verlangsamt werden kann und Komplikationen verhindert werden. Es geht nicht nur darum, einfach die Brille anzupassen, sondern es geht auch darum, eine Diagnostik durchzuführen, eine Risikoabschätzung und auch Therapieoptionen auszuloten. Es gilt, das Risiko zu minimieren, dass aus einer hohen Myopie eine pathologische Myopie wird.

Wenn jemand bereits eine pathologische Myopie hat, sollte man auch an chirurgische Möglichkeiten denken, um Befunde an der Netzhaut vielleicht wieder zu stabilisieren, damit über längere Zeit hinweg keine weitere Progression stattfindet.

Wenn Veränderungen am Augenhintergrund auftreten, ist es wichtig, regelmäßig Kontrollen durchführen zu lassen. Netzhautablösung ist ein großes Problem bei hohen Myopien. Eine Spiegelung des Augenhintergrunds mit erweiterter Pupille, ist daher ratsam. Ein- bis zweimal im Jahr sollte das Auge augenärztlich kontrolliert werden.

Schwerpunktthema: Myopie

Kurzsichtigkeit, medizinisch Myopie genannt, wird meistens mit einer Brille oder Kontaktlinsen korrigiert. Doch wer eine hohe Myopie hat, kann trotzdem Probleme in der Schule oder am Arbeitsplatz bekommen, wie zwei Betroffene berichten. Aus Expertensicht beleuchtet ein Augenarzt das Thema. Er erklärt, welche Veränderungen an der Netzhaut durch Myopie entstehen und zu einer Sehbehinderung und auch Blindheit führen können.

  • "Wenn der Augapfel wächst und wächst": Einen Überblick über die weitverbreitete Myopie, auch Kurzsichtigkeit genannt, gibt Ute Stephanie Mansion.
  • "Immer wieder mal: Kopf hoch!", rät Prof. Thomas Ach, Leitender Oberarzt der Augenklinik am Universitätsklinikum Bonn und spricht über Risikofaktoren, Merkmale und Behandlung der pathologischen Myopie.
  • Sehheldin Anne Niesen ist "unterwegs im Niemandsland". Wie sie sich tiefgründig mit ihrer hohen Myopie auseinandersetzt und damit anderen hilft.
  • Linda Pröve ist "gut angekommen in einer neuen Welt" und erzählt von ihrem Weg, der über starke Kurzsichtigkeit über Erblindung hinaus aus einer Krise führte.

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