Ein Festival der Rekorde - das Louis Braille Festival 2024 in Stuttgart

Berliner Platz neben der Liederhalle. Auf einer Rasenfläche stehen im Sonnenlicht Bierbänke und Tische, an denen zahlreiche Menschen sitzen. Über ihnen ist eine Leine gespannt, an der Fähnchen mit dem Logo des Louis Braille Festivals hängen.
Berliner Platz neben der Liederhalle. Auf einer Rasenfläche stehen im Sonnenlicht Bierbänke und Tische, an denen zahlreiche Menschen sitzen. Über ihnen ist eine Leine gespannt, an der Fähnchen mit dem Logo des Louis Braille Festivals hängen.  ·  Bild: DBSV/Reiner Pfisterer

Die weißen Zelte, spielende Führhunde und ausgelassene Stimmung auf dem Berliner Platz in Stuttgart verkündeten schon von Weitem, zum Beispiel allen, die aus einer Stuttgarter U-Bahn in der Nähe stiegen: „Hier ist was los!“ Unter den Zelten waren Stände untergebracht, die zum Beispiel zu Mitmach-Aktionen einluden. Und mitgemacht haben viele im Laufe der drei Tage, die das Louis Braille Festival dauerte, zu dem der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband, die Nikolauspflege – Stiftung für blinde und sehbehinderte Menschen – und der Blinden- und Sehbehindertenverband Württemberg eingeladen hatten. Schätzungsweise zwischen 5.000 und 6.000 sehbehinderte, blinde und sehende Gäste waren es schließlich, die vom 3. bis zum 5. Mai an die Orte des Festivals strömten, vor allem auf den Berliner Platz, ins Kongresszentrum Liederhalle und in die Reithalle. Die Besucherinnen und Besucher konnten zwischen mehr als 160 Angeboten wählen: sportlich, kulturell, literarisch, musikalisch und Party-feiernd – alle Interessensrichtungen waren vertreten. Unmöglich, bei dem breiten Spektrum an Aktionen und Darbietungen nicht das Passende zu finden.

Freitag, 3. Mai

Rasenfläche, Biergarnituren, Festivalfahnen: Auf der Außenbühne auf dem Berliner Platz wurde das Festival eröffnet – mit warmen Worten der Veranstalter, mit Stimmen zu Inklusion und Teilhabe aus der Lokalpolitik, von Leitungspersonal von örtlichen Stiftungen und Kulturangeboten, mit anschaulichen Live-Beschreibungen der Sprechenden und der Umgebung und mit Musik von Philipp Poisel. Dem bekannten Singer-Songwriter aus Ludwigsburg folgen über das Festivalwochenende weitere Bands und Sänger auf die Bühne, darunter Rockytrio, die Niko-Rocker und das Veronica Reiff Quartett. Auf den Rasenflächen und Wegen darum herum gab es weitere Attraktionen. Der blinder Skater Johannes Bruckmaier begeisterte mit seinem Sport und lud zum Ausprobieren ein; Erwachsene und Kinder nahmen an einer Probe-Trainingseinheit Blindenfußball bzw. Fußball teil, Tandemfahren war möglich, die Nikolauspflege präsentierte ihre Angebote und ein Dunkelzelt ermöglichte einen Perspektivwechsel.

Vor allem in der Liederhalle wurden so viele Workshops angeboten, dass es schwierig war, sich für einen zu entscheiden, wenn zeitgleich ein anderer spannender stattfand. Wer zum Beispiel gern einen Schnupperkurs in Graffiti (Sprühen) gemacht hätte, aber ebenso gern Motorrad gefahren wäre, an einer Laufguide-Schulung teilgenommen oder HipHop getanzt hätte, musste eine Entscheidung treffen. Oder im Programm nachschauen, ob die Veranstaltung auch an einem anderen Tag oder zu einer anderen Uhrzeit angeboten wurde, denn das war manchmal der Fall.

Leider gab es den Auftritt von Schauspieler und Hörbuch-Sprecher Rufus Beck nur einmal im Programm. Er begeisterte das Publikum mit einer Lesung aus dem Buch „Bummel durch Europa“ von Mark Twain.

Mit viel Unterhaltungswert ging es in den Abend. „Spätzle mit Soß‘“ ist ein beliebtes Gericht im Schwabenland. Statt Spätzle gab es beim Louis Braille Festival „Spässle mit Soß‘“: Die Comedians Jochen Prang, Timur Turga und Khalil Khalil schilderten ihren Alltag aus humorvoller Sicht: Jochen Prang berichtete über Tücken im Haushalt: Früher habe es zum Beispiel gereicht, einem Elektrogerät einen Klaps zu geben, dann lief es wieder. Heute hilft das leider nicht mehr. Timur Turga hat eine hochgradige Sehbehinderung und nutzte seinen Langstock auch als Markierung auf der Bühne, um nicht versehentlich einen Schritt zu weit zu gehen. Geschickt verwandelte er all die typischen Unannehmlichkeiten, die Menschen mit Sehbehinderung oft widerfahren – zum Beispiel ungefragte Hilfe – in humorvolle Anekdoten. Khalil Khalil stammt aus Syrien, hat in Rekordzeit Deutsch mitsamt verschiedener Dialekte gelernt und nahm sich auf der Bühne den Tücken der deutschen, schwäbischen und badischen Sprache an.

Wer in den Hegelsaal der Liederhalle gekommen war, um Prang, Turga und Khalil zu hören, konnte danach gleich sitzenbleiben, denn „Mitsingen für alle“ stand auf dem Programm, unterstützt von der zu diesem Zweck zusammengekommenen Band „The Sing-Alongs“. Die Songtexte waren auf einer großen Leinwand zu lesen, es gab sie außerdem ausgedruckt Schwarz- und Punktschrift sowie im Vorfeld online zur Verfügung gestellt. Kein Problem also für die hunderten Besucherinnen und Besucher Songs wie „Über den Wolken“, „Son of A Preacher Man“ und „Angels“ lautstark mitzusingen.

Wer noch Kondition und Lust auf mehr Musik hatte, konnte am späteren Abend zur Party mit DJ Christian Ohrens gehen. Das machten auch viele und füllten unter bunten Lichtern die Tanzfläche, bis um Mitternacht die Musik verstummte.

Vor der Liederhalle stehen lächelnd v.l.n.r. Hans-Werner Lange, Präsident Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband, Anne Reichmann, Vorstandsvorsitzende Nikolauspflege und Arne Jöns, Vorsitzender Blinden- und Sehbehindertenverband Württemberg.
Vor der Liederhalle stehen lächelnd v.l.n.r. Hans-Werner Lange, Präsident Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband, Anne Reichmann, Vorstandsvorsitzende Nikolauspflege und Arne Jöns, Vorsitzender Blinden- und Sehbehindertenverband Württemberg. · DBSV/Reiner Pfisterer
Der Oberkörper von Rufus Beck im Profil vor einem Stehpult, im Hintergrund eine blau angeleuchtete Holzwand und Lautsprecher. Er hat kurze graue Haare, trägt ein dunkles T-Shirt, eine Brille und eine Armbanduhr. An seiner Wange ist ein Mikrofon befestigt.
Der Oberkörper von Rufus Beck im Profil vor einem Stehpult, im Hintergrund eine blau angeleuchtete Holzwand und Lautsprecher. Er hat kurze graue Haare, trägt ein dunkles T-Shirt, eine Brille und eine Armbanduhr. An seiner Wange ist ein Mikrofon befestigt. · DBSV/Reiner Pfisterer

Samstag, 4. Mai

Der Markt der Begegnungen lockte den ganzen Samstag über viele an: Die Landesvereine des DBSV präsentierten in der historischen Reithalle, die heute eine denkmalgeschützte Event-Location ist, ihre Angebote und hatten sich viel Kreatives einfallen lassen: Es gab Gegenstände zu tasten, schmecken und riechen, an mehreren Ständen wartete ein Quiz auf die Ratefreudigen und natürlich konnten sich alle mit Informationsmaterial eindecken. Oder lieber gleich mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an den Ständen ins Gespräch kommen und ihnen Fragen stellen.

Antworten auf ihre Fragen bekamen auch Ratsuchende bei der FührhundLounge. Dort konnten Themen rund um den (Führ)hund mit Mitgliedern der Führhund-Fachgruppe des BSV-Württemberg besprochen werden. Spezifische Hilfe für Führhundhaltende gab es zudem in Sessions mit dem Hundepsychologen. Während die einen ihre Vierbeiner trainierten, ließen andere sie über die großflächig eingezäunte Wiese rennen oder gönnten ihnen eine professionelle Massage bei der Hundephysiotherapeutin.

Ruhiger als bei vielen Mitmach-Aktionen ging es bei den Lesungen zu. Schauspielerin Jutta Kammann las und erzählte aus ihrer Autobiografie „Rothaarig und wild entschlossen“. Sie blickt auf ein langes, bewegtes Leben zurück, in dem es keineswegs nur den Glanz der Bühne und von Film und Fernsehen gab. Brailleschrift-Leser Christian Spremberg brachte seine Zuhörerinnen und Zuhörer mit Geschichten von Kurt Tucholsky, Ephraim Kishon und Loriot zum Lachen.

Showtime hieß es auch am Samstagabend: Christoph Sonntag vom Südwestrundfunk moderierte und wurde mit einem „Happy Birthday“-Ständchen aus hunderten Kehlen bedacht, denn er feierte an diesem Abend seinen Geburtstag auf der Bühne des siebeneckigen Hegelsaals der Liederhalle. Prominenter Gast war der Schauspieler Walter Sittler. Für die musikalische Unterhaltung sorgte die Band Warehouse mit rockigen Coversongs. DBSV-Mitarbeiter Robbie Sandberg trat als Kabarettist auf und nahm die Vorurteile und Übergriffigkeiten, die sehende Menschen oft gegenüber blinden Menschen an den Tag legen, aufs Korn. Vier Ratespiele mit Krimibezug brachten nicht nur die Köpfe der aus dem Publikum kommenden Kandidatinnen und Kandidaten, die gegen Walter Sittler antraten, zum Glühen, sondern auch die der Zuschauerinnen und Zuschauer. Für die Live-Audiodeskription sorgte auf charmante Art Tomke Koop von „HörMal Audiodeskription“.

Warmgelacht und in Feierlaune, zog es anschließend viele vom Hegel- in den Schillersaal. Dort spielte Warehouse und brachte die Anwesenden mit Rocksongs zum Tanzen. Nach Kulthits wie „Don’t Stop Believing“, „Sweet Home Alabama“ und „Westerland“ und einer dreimaligen Zugabe durften die Marburger Musiker  Feierabend machen.

Sonntag, 5. Mai

Eine junge Frau mit mittellangen braunen Haaren ertastet konzentriert eine schrägstehende Landkarte. Im Hintergrund eine ihr zugewandte ältere Frau mit kurzen, weißen Haaren und aufmerksamem Gesichtsausdruck, dahinter Stellwände und zwei weitere Personen.
Eine junge Frau mit mittellangen braunen Haaren ertastet konzentriert eine schrägstehende Landkarte. Im Hintergrund eine ihr zugewandte ältere Frau mit kurzen, weißen Haaren und aufmerksamem Gesichtsausdruck, dahinter Stellwände und zwei weitere Personen.  ·  Bild: DBSV/Reiner Pfisterer

Nach dem Motto „Ausschlafen können wir nach dem Festival“, ging es bereits am Sonntagmorgen mit Programmpunkten weiter. Der Schillersaal war nach der Party am Vorabend wieder bestuhlt, sodass alle, die an einem ökumenischen Gottesdienst teilnehmen wollten, Platz nehmen konnten. Als Thema im Mittelpunkt stand die Liebe in ihren unterschiedlichen Facetten. Mitsingen war erneut gefragt, und das taten die zahlreichen Gottesdienstbesucherinnen und -besucher gern. Die Taizé-Lieder dürften vielen bekannt gewesen sein, Liedblätter trugen zur Textsicherheit bei.

Musikalisch unterhaltsam blieb es im Schillersaal, wo am späten Vormittag die Gauthier Dance JUNIORS eine sportliche und tänzerische Höchstleistung darboten: Bunt gekleidet auf Fitnesstrampolinen springend, drehend und aufwendige Figuren formend, verdiente sich die fünfköpfige Tanztruppe mit ihrem 15-minütigen Auftritt Standing Ovations. Die anschließende Musik-Satire des Berliner Musik-Kabarettduos Plückhahn & Vogel überzeugte nicht minder mit schlichter Show, humorvollen Liedern, wortgewandten Texten sowie der Kombination aus versiertem Klavierspiel und kraftvollem Gesang.

Unter strahlendem Sonnenschein und mit optimistischen Worten des Stuttgarter Oberbürgermeisters Frank Nopper, fand am Nachmittag das Louis Braille Festival 2024 sein Ende. Es klang mit großem Dank an über 50 Unterstützer, Sponsoren und Kooperationspartner aus. Und an alle sichtbaren und unsichtbaren helfenden Hände, die das Großevent möglich gemacht hatten, das sich die Bühne der Landeshauptstadt mit einem Heimspiel des VfB in der Mercedes-Benz-Arena und dem Frühlingsfest auf dem Cannstatter Wasen geteilt hatte. Als Andenken konnten Besucherinnen und Besucher Souvenirs kaufen – zum Beispiel ein Päckchen Spätzle. Der Stadt wird das Festival durch eigens dafür verlegte Blindenleitsysteme auf dem Berliner Platz in Erinnerung bleiben.

Sichtweisen-Podcast: Sonderfolge zum Louis Braille Festival 2024 in Stuttgart

Logo des Sichtweisen-Podcasts: Über drei Zeilen verteilt, ist "Sichtweisen" in fragmentierter Schrift zu lesen. Rechts unten ein weißes Lautsprechersymbol vor blauem Hintergrund.

Für alle, die nicht dabei waren und für diejenigen, die gern noch ein wenig in Erinnerungen schwelgen wollen, blicken drei Redakteurinnen des DBSV-Verbandsmagazins „Sichtweisen“ auf das Louis Braille Festival zurück. Drei Tage lang haben Leonie Koll, Ute Stephanie Mansion und Lisa Mümmler Veranstaltungen besucht, an Workshops teilgenommen, Lesungen und Shows gesehen und gehört. Über ihre Eindrücke berichten sie in einer Spezialfolge des Sichtweisen-Podcasts.

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