Für Carsten Heidorn war es ein Schock, als er von seiner Augenerkrankung erfuhr. Sein Hobby, die Jagd loszulassen, ist nicht leicht. Doch er merkte auch, wer ihm nahesteht.

Auf das Hobby Jagd bin ich über einen Umweg gekommen. Meine Frau arbeitete damals bei einer kleinen Fluggesellschaft in Hamburg, und einer der Piloten lud einmal im Jahr zum Tontauben-Schießen ein. Ich durfte mitkommen und stellte fest: Das ist das Richtige für mich. Um meinem neuen Hobby in unserem Wohnort Quickborn oder in der Nähe nachzugehen, musste ich entweder in einen Schützenverein eintreten oder den Jagdschein machen. Ein Schützenverein kam für mich nie in Frage, das ist mir zu kleinkariert und spießig. Also entschied ich mich für den Jagdschein.
Der Jagdkurs dauerte ein dreiviertel Jahr. Während dieser Zeit wuchs mein Interesse an der Jagd so, dass ich es auch nach bestandener Prüfung weitermachen wollte. Das ging etwa 20 Jahre gut, ich habe mich in die Community integriert und viele Kontakte geknüpft – um am Ende zu erkennen, dass diese Kontakte im Grunde doch sehr oberflächlich waren: Kaum war ich nicht mehr so präsent, ob auf dem Schießstand oder bei Jagden, war ich aus dem Geschehen raus. Im zurückliegenden Jagdjahr war ich nur noch auf einer einzigen Jagd und muss mir leider eingestehen, dass es das wohl gewesen ist mit dem Jägerleben. Meine Sehkraft hat zu stark nachgelassen.
Beinahe-Unfälle: Leute tauchten wie aus dem Nichts auf
Das etwas mit meinen Augen nicht stimmt, habe ich vor drei, vier Jahren bemerkt. Wenn ich vom Hof beim Büro wegfuhr, habe ich öfter Fußgänger beinahe über den Haufen gefahren. Sie tauchten plötzlich wie aus dem Nichts vor dem Auto auf. Zum Glück habe ich niemanden verletzt. Das passierte in verschiedenen Konstellationen noch öfter. Die Krönung war, dass ich ein Auto übersehen habe, als ich auf eine Hauptstraße auffahren wollte. Da fehlten nur noch Millimeter, bevor es zu einem Unfall gekommen wäre. Meine Frau bestand darauf, dass ich meine Augen untersuchen ließe, um abzuklären, ob noch alles in Ordnung ist. Die Fahrt zur Augenärztin waren dann meine letzten Minuten hinterm Steuer.
Als die Augenärztin mir die Diagnose Retinitis pigmentosa mitteilte, dachte ich, dass sie nicht mich meinen könnte. Das war so unwirklich, das konnte nicht passieren, nicht mir. Ich war gelähmt von dem, was sie sagte, und habe alles nur noch wie durch Watte wahrgenommen.
Wanderer zwischen den Welten
Die erste Zeit danach habe ich immer noch gedacht, dass dieser Alptraum irgendwann zu Ende gehen müsse: Ich wache morgens auf, und alles ist wieder so wie früher – ich habe mein altes Leben wieder. Leider hat sich der Wunsch nicht erfüllt. Im Gegenteil: Nach der Gen-Analyse kam der nächste Nackenschlag in Form der ergänzenden Diagnose Usher-Syndrom. Glücklicherweise hat mich die Ärztin auf Pro Retina hingewiesen, wo ich ein Stück weit aufgefangen wurde in meinem freien Fall ins Ungewisse. Zurzeit fühle ich mich wie ein Wanderer zwischen den Welten: Ich habe das Gefühl, weder zu den „normalsichtigen“ noch zu den sehbehinderten Menschen zu gehören, obwohl ich ja definitiv sehbehindert bin.
Die Probleme bei der Jagd liegen für mich bei der Mobilität: Wie soll ich ohne Auto ins Revier kommen? Beim Schießen auf Tontauben sehe ich die Tauben meist zu spät oder gar nicht mehr – das kommt nicht gut an, wenn man da mit der Waffe in der Hand steht und nicht reagiert.
Ich kämpfe noch den Kampf des Loslassens. Ich will mich nicht von meiner geliebten Passion der Jagd trennen, weiß aber, dass es ein Befreiungsschlag wäre und sich meine innere Zerrissenheit in Akzeptanz wandeln würde. Das wird wohl der nächste Schritt sein, den ich gehen muss.

Es trifft auch den Partner, die Partnerin
In meinem Umfeld habe ich gleich mit offenen Karten gespielt. Was bringt es mir, die Krankheit zu verheimlichen? Das würde auch schwerfallen, wenn man plötzlich nicht mehr Auto fahren darf. Im Beruf habe ich es genauso gehandhabt und bin gleich in die Offensive gegangen. Da ich viel am Rechner arbeite, habe ich bis jetzt keine Probleme. Mir wurde auch jegliche Hilfe zugesagt, die ich benötigen würde, von daher ist alles gut.
Mittlerweile geht der Visus leider in den Keller, und ich muss schauen, wie ich dem entgegenwirken kann. Lesen klappt mit größerer Schrift noch ganz gut. Ich habe eh nur noch ein paar Jahre bis zur Rente, und die schaffe ich auch noch. Für andere Hobbys war keine Zeit neben Haus und Garten, und dem Hund muss man ja auch gerecht werden.
Ohne meine Frau würde ich das alles nicht so meistern, wenn man von meistern sprechen kann. Für sie ist das auch eine völlig neue Situation, die sich so niemand hätte vorstellen können. Es trifft ja den Partner oder die Partnerin auch immer mit voller Wucht. Viele positive Impulse habe ich durch Pro Retina bekommen. Diese Gemeinschaft hilft mir sehr, und andere Organisationen sind bestimmt auch klasse für Menschen mit Seheinschränkungen. Zurzeit muss ich noch ein paar innere Kämpfe führen, aber ich könnte mir gut vorstellen, in naher Zukunft auch ein Ehrenamt anzunehmen.
Gute Freunde erkennt man, wenn es nicht so gut läuft
Bisher habe ich keine Probleme, außerhalb des Hauses zurechtzukommen. Wenn ich mich nicht mehr wohlfühle, nehme ich den Langstock zur Hand, der dann so etwas wie mein Schutzschild ist. Das klappt super, wenn man erst einmal den inneren Schweinehund überwunden hat, ihn zu benutzen.
Wichtig ist mir, dass ich der bleibe, der ich vor der Diagnose war. Gute Freunde sind mir extrem wichtig, und die erkennt man oft erst, wenn es mal nicht so gut läuft. Ich möchte unabhängig bleiben, auch wenn ich jetzt den Bus oder die Bahn statt des Autos nutze.
Carsten Heidorn (59) lebt in Quickborn.