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Radelnd die Region erkunden

· Petra Bognitz

Sie lassen sich den Wind um die Nase wehen, genießen die frische Luft und Gespräche, Kaffee und Kuchen in den Pausen: Die Fahrerinnen und Fahrer der Tandemgruppe Braunschweig radeln von April bis Oktober alle vier Wochen zu einem anderen Ort und verbinden ihren sportlichen Ausflug mit einem kulturellen Ziel. Die Leiterin der Gruppe erzählt, warum ihr das Tandemfahren so viel Spaß macht.

Petra Bognitz und ihr Pilot Volker Weinlich fahren auf einem Tandem eine Straße entlang. Beide tragen einen Helm.
Petra Bognitz und ihr Pilot Volker Weinlich.  ·  Bild: privat

Ein sportlicher Mensch bin ich nicht, aber ich bewege mich gern und bin schon immer gern Fahrrad gefahren. Ich habe Retinitis pigmentosa (RP) und hatte in jungen Jahren einen Super-Sehrest, der dann immer weniger wurde. Ich bin seit 36 Jahren im Blinden- und Sehbehindertenverband Niedersachsen (BVN), weil meine Mutter damals dort eingetreten ist und gesagt hat, du trittst jetzt gleich mit ein. Erst einmal war ich nur passives Mitglied.

Als meine Sehkraft nachließ, war eigenständiges Fahrradfahren nicht mehr möglich. Mein damaliger Mann schenkte mir ein Tandem. Damit sind wir gefahren, und es hat mir viel Spaß gemacht. Dann habe ich von der Sport-Abteilung im BVN erfahren. Mittlerweile bin ich stellvertretende Leiterin der Sport-Abteilung für die Region Süd-Ost-Niedersachsen.

Ich habe schon immer in Braunschweig gewohnt, und mich kriegt hier auch keiner weg. Seit 15 Jahren fahre ich in der Tandemgruppe Braunschweig mit; seit sieben Jahren leite ich sie. Wir sind anfangs Touren von 60 Kilometern und mehr gefahren, teilweise auch 80 Kilometer. Inzwischen sind es so um die 40 Kilometer bei einer Tour. Wir machen Pausen und haben einen Begleitbus dabei. Es ist alles sehr gut organisiert: Wir haben Christina Hempelmann, die für uns Kuchen backt, es gibt Kaffee und kalte Getränke. So lassen wir es uns in den Pausen gut gehen!

Freiwillige als Pilotinnen und Piloten gesucht und gefunden

Die Tandem-Pilotinnen und -Piloten habe ich fast alle über eine Freiwilligenagentur gefunden, und ich habe auch kurze Artikel in Stadtteilzeitungen veröffentlicht. Auch über Empfehlungen sind wir an Piloten gekommen. Wenn neue Piloten dazukommen, habe ich sie gefragt, ob sie nicht Bekannte oder Freunde haben, die ebenfalls Lust hätten mitzufahren. Auf diese Weise haben wir einen guten Stamm aufgebaut. Als ich angefangen habe, waren es ziemlich wenige. Manchmal mussten sich zwei blinde Fahrer einen Piloten teilen. Das war natürlich nicht so schön, denn wenn jemand alle vier Wochen mal Tandem fährt, möchte er oder sie halt die ganze Tour fahren und nicht nur eine Hälfte. Das war nicht so motivierend, aber mittlerweile klappt es gut.

Neue Tandems dank Aktion Mensch

An unseren Radtouren nehmen manchmal auch Gäste aus unserer Region teil, die mit dem eigenen Tandem fahren. Es waren schon welche aus Gifhorn und Wolfsburg dabei. Im vergangenen Jahr hat Aktion Mensch den Kauf von sechs neuen Tandems gefördert; auch ein Elektrotandem haben wir von der Aktion Mensch bekommen: Meistens fährt eine Teilnehmerin damit, die schon über 80 Jahre alt ist.

Die Zahl derer, die mitfahren, ist unterschiedlich groß. Manchmal sind es nur vier Tandems, meistens sind es acht. Es gibt auch Ersatzpiloten, die auf Einzelrädern mitradeln.

Wir fahren von April bis Oktober alle vier Wochen. Wir starten immer an einem Sonntag um zehn Uhr an einer ehemaligen Fahrradwerkstatt in Braunschweig, wo die Tandems untergestellt sind. Dort kommen wir auch wieder an. Wir fahren zu unterschiedlichen Orten und verbinden die Touren mit kulturellen Zielen. So sind wir zum Beispiel nach Bodenstedt im Landkreis Peine gefahren und haben dort das Museum „ZeitRäume“ besichtigt, ein Museum zur Zeitgeschichte des späten 19. Jahrhunderts bis in die 1970er Jahre. Ein weiteres Ziel war das Gärtnermuseum Wolfenbüttel.

Beim Radfahren andere Eindrücke gewinnen

Im November unternehmen wir einen Tandemabschluss, das heißt, dann fahren wir mit Autos oder mit der Bahn irgendwohin. Im vergangenen Jahr waren wir im Till-Eulenspiegel-Museum in Schöppenstedt. Nach dem kulturellen Teil kehren wir zu einem gemeinsamen Essen ein.

Das Tandemfahren macht mir nach wie vor viel Spaß. Zum einen, weil mein Pilot mein Cousin ist, der viel über die Umgebung erzählt. Zum anderen, weil Ich gern an der frischen Luft bin und weil ich beim Radfahren andere Eindrücke wahrnehme als sonst. Auch die Gemeinschaft ist mir wichtig. In den Pausen unterhalten wir uns und geben uns gegenseitig Tipps: Wo könnten wir noch hinfahren, was könnten wir noch Neues machen? Es ist immer sehr schön.

Unsere Tandemgruppe gibt es seit 40 Jahren. Unser Guide heißt Michael Schanz und nimmt seine Aufgabe schon von Anfang an wahr. Er arbeitet die Routen aus, gibt die Wege an und legt ein zügiges Tempo vor. Er nimmt aber auch Rücksicht auf langsamere Mitradelnde. Mit Funkgeräten verständigen wir uns untereinander, wenn jemand zum Beispiel eine Panne hat. Hans-Werner Hempelmann pflegt und wartet unsere Tandems ehrenamtlich. Wir sind gut ausgerüstet.

Feste Tandemteams stellen sich aufeinander ein

Bis spätestens Anfang März werden die Termine für die Touren festgelegt, wobei wir Rücksicht nehmen auf Fußball- und Formel-1-Übertragungen. Wenn es nicht gerade Bindfäden regnet, fahren wir.

Unser jüngster Pilot ist um die 40; es war auch schon mal ein Neunzehnjähriger dabei. Leute in dem Alter bleiben aber meistens nicht lange. Sie brauchen eine Bescheinigung, dass sie irgendetwas Soziales gemacht haben. Ein jüngerer Pilot fuhr zwei, drei Jahre mit, ist dann aber weggezogen. Die meisten, die mitfahren, sind Mitte 50 bis Mitte 60, und wie gesagt eine 81-Jährige gehört auch dazu.

Wir versuchen, dass es feste Tandemteams gibt. Denn jeder Pilot fährt anders. Ich spreche da aus Erfahrung, und weiß, dass sich beide aufeinander einstellen müssen. Einige haben sich auch privat angefreundet.

Probefahrten für neue Pilotinnen und Piloten

Wenn Leute mitfahren, die nicht regelmäßig dabei sind, oder wenn ein neuer Pilot dazukommt, muss man natürlich die Teams anders einteilen. Mit neuen Piloten machen wir erst mal Probefahrten, damit sie ein Gefühl für das Tandem bekommen, ohne dass schon jemand hinten draufsitzt.

Privat habe ich im vergangenen Jahr auch eine Tandemtour unternommen, die viel Spaß gemacht hat: Wir sind nach Wittingen in der Heide gefahren. Das war schon sportlicher, da sind wir jeden Tag so 60, 70 Kilometer gefahren, Das war auch toll, und wir haben dort unter anderem eine Burg besichtigt.

Petra Bognitz (60) lebt in Braunschweig. Wer ebenfalls in der Region wohnt und Lust hat, in der Gruppe Tandem zu fahren, kann sich bei ihr melden.

Kontaktdaten Petra Bognitz

  • Tel.: 05 31 / 12 83 07 12
  • E-Mail: petra.bognitz@web.de

Zur Webiste der Tandemgruppe

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