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„Es geht um faire Voraussetzungen“

· Franziska Sgoff

Eine S-Bahn-Fahrt veränderte den beruflichen Weg von Franziska Sgoff entscheidend. Was nach einem Gespräch, zufällig mitgehört von der Mitarbeiterin eines großen Unternehmens, geschah, erzählt sie in ihrer Geschichte. Sie appelliert damit auch an Arbeitgeber, sich genauer zu informieren, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt, um Menschen mit Behinderung einzustellen.

Franziska Sgoff trägt ihr glattes Haar schulterlang. Sie sitzt lächelnd an einem aufgeklappten Laptop.
Bild: privat

Nach meinem Abschluss als Fremdsprachenkorrespondentin in München stand ich plötzlich vor der großen Frage: Was mache ich jetzt damit? Viele aus meinem Jahrgang gingen in Anwaltskanzleien, arbeiteten als Assistenz der Geschäftsführung oder machten weiter bis zum/zur staatlich geprüften Übersetzer*in. Dass ich einmal bei Microsoft – einem der größten IT-Konzerne der Welt – als erste blinde Mitarbeiterin Deutschlands arbeiten würde, hätte ich nie für möglich gehalten. Und doch öffnete sich mir eine Tür. Im Oktober 2016 saß ich in der S-Bahn von Freising nach München, fest entschlossen, endlich irgendwo anzufangen. Ich wollte arbeiten, dazugehören, meinen Platz finden. Neben mir saß eine Frau, mit der ich ins Gespräch kam.

Ich zeigte ihr, wie ich mein Smartphone mit VoiceOver bediene. Wir lachten, plauderten, tauschten uns aus. Es war ein freundliches, leichtes Gespräch, das schon besonders genug war. Nachdem sie ausgestiegen war, wandte sich eine weitere Frau an mich. Sie hatte unser Gespräch mitgehört und erzählte mir, dass sie bei Microsoft arbeitet und dass Barrierefreiheit im Unternehmen eine zentrale Rolle spielt. Und sie erwähnte die für Barrierefreiheit zuständige Kollegin in den USA – gehörlos, führend, inspirierend. Ich hing förmlich an ihren Lippen und fragte sie, ob es irgendeine Möglichkeit gebe, selbst in diesem Bereich mitzuwirken. Wir tauschten Kontaktdaten aus. Sie stieg aus – und ich blieb zurück. Verdattert. Aufgewühlt.

Und ohne die leiseste Ahnung, dass dieses Gespräch mein Leben verändern würde. Noch am selben Abend erhielt ich eine E-Mail von der Frau aus der S-Bahn. Am nächsten Tag folgte die Einladung, mich für ein Praktikum bei Microsoft zu bewerben.

Erste vollblinde Mitarbeiterin in Deutschland

Ich bewarb mich sofort. Für mich öffnete sich eine neue Welt. Für Microsoft übrigens auch. Ich wurde die erste vollblinde Praktikantin – und später die erste vollblinde Mitarbeiterin in Deutschland. Damit das Praktikum möglich wurde, brauchte ich Hilfsmittel: eine Braillezeile und die Software Jaws, beides bei einem Praktikum nicht über Kostenträger finanzierbar. Da ich keine Rehamaßnahme oder Berufsblindenschule durchlaufen hatte, standen mir diese Wege nicht offen. Microsoft übernahm die Kosten. Ohne dieses Engagement hätte ich nicht starten können. Dafür bin ich bis heute dankbar. Auch die tägliche Anfahrt ins Büro war ein Thema. Homeoffice war möglich, doch für mich war es essenziell, Menschen zu begegnen. Kontakte zu knüpfen. Mittags in der Kantine gemeinsam zu essen. Teil einer Gemeinschaft zu sein. Die Schwerbehindertenvertretung organisierte einen Fahr[1]dienst – ein weiterer Baustein, der mir den Weg ebnete. Dank meiner Sprachkenntnisse durfte ich jede Woche einen Blogartikel schreiben – über das, was ich erlebte, lernte und beobachtete. Als ich erwähnte, dass die interne Plattform für mich schwer bedienbar war, meldete sich direkt der Accessibility-Verantwortliche aus den USA. Wir diskutierten und er setzte Verbesserungen um.

Nach sechs Monaten endete das Praktikum. Ich war traurig, denn meine Behinderung, im Alltag oft eine Herausforderung, war bei Microsoft plötzlich zu einer Stärke geworden. Zu einer Perspektive, die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern half. Ich war für sie oft die erste blinde Person, mit der sie ins Gespräch kamen. Diese Erfahrung inspirierte mich, mein erstes – und bisher einziges – Jugendbuch zu schreiben: „Wozu braucht man Jungs?“ heißt es, eine Geschichte über Freundschaft, Sehbehinderung und schulische Inklusion. Am 3. Dezember 2019, dem internationalen Tag der Menschen mit Behinderung, durfte ich bei Microsoft eine Lesung daraus halten – im Dunkeln. Eine Erfahrung, die mich bis heute bewegt. Kurz darauf konnte ich über eine Arbeitnehmerüberlassung bei Microsoft eine Vertretung übernehmen.

Barrierefreiheit voranbringen

Das ist dort nicht ungewöhnlich und soll dazu dienen herauszufinden, wohin man passen könnte. Ich fand meinen Platz und bin seit Oktober 2021 fest und unbefristet angestellt. Ich arbeite mit großen Unternehmenskunden, um Barrierefreiheit mit unseren Produkten voranzubringen. Das können Workshops sein, Auftritte bei Veranstaltungen wie dem Global Disability Summit oder unseren Microsoft-AI-Touren. Auch auf der SightCity sind wir mittlerweile fest vertreten. Ich arbeite mit großartigen Kolleginnen und Kollegen: technisch brillant, intrinsisch motiviert, Menschen mit eigenen Erfahrungen und teilweise auch mit einer Behinderung. Dieses Netzwerk trägt mich – menschlich, fachlich, persönlich. Ohne sie wäre meine Arbeit nicht das, was sie für mich ist: eine Chance zu wachsen, über mich hinauszugehen und meine Komfortzone immer wieder zu verlassen. Vernetzung ist mir enorm wichtig: Daher habe ich eine unternehmensübergreifende Community gegründet, um Unternehmensvertreter und -vertreterinnen aus den unterschiedlichsten Branchen miteinander zu vernetzen. Wir tauschen uns einmal im Monat online zum Thema Barrierefreiheit und Inklusion im Arbeitskontext aus. Rückblickend hatte ich viel Glück. Nicht, weil Barrieren für mich nicht existiert hätten – sondern weil ich Menschen begegnet bin, die zuerst meine Fähigkeiten gesehen haben und nicht meine Behinderung. Diese Erfahrung ist leider keine Selbstverständlichkeit. Das Inklusionsbarometer Arbeit der Aktion Mensch zeigt seit Jahren, wie schwierig der Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderungen ist. So nehme ich es auch wahr: Für viele blinde und sehbehinderte Menschen ist der Weg in den Beruf unnötig steinig. Oft wird übersehen, wie viel bereits mit einfachen Mitteln möglich ist. Mit Sprachausgabe, Bildschirmlupe, Kontrastanpassungen oder einer Braillezeile lässt sich produktiv und selbst[1]ständig arbeiten – ohne teure Spezialsoftware, ohne monatelange Anträge. Eine Arbeitsassistenz kann dort unterstützen, wo Sehvermögen fehlt. Es geht also nicht um Sonderbehandlung, sondern um faire Voraussetzungen. Was mir persönlich geholfen hat, war Transparenz. Ich habe zum Beispiel in einem Video meine Arbeitsweise erklärt, um dem Arbeitgeber die Chance zu geben, Fragen zu stellen und Vorbehalte abzubauen. Durch einen Probetag oder ein Praktikum lassen sich die Fähigkeiten auch in der Praxis unter Beweis stellen. Mein Apell ist, dass Arbeitgeber genauer hinschauen, welche Möglichkeiten bereits vorhanden sind – technisch, organisatorisch und auch finanziell, wenn es etwa Unterstützung von Integrationsfachdiensten oder Inklusionsämtern gibt. Meine Geschichte soll Mut machen. Mut, aufmerksam durchs Leben zu gehen. Mut, Fragen zu stellen und Dinge auszuprobieren. Und Mut, nicht aufzugeben – auch wenn es schwerfällt.

Nützliche Links rund um Inklusion im Arbeitsleben

Folgende Links können für die Arbeitssuche und die Vergabe von Arbeit praktisch sein.

Kontakt zu Franziska Sgoff kann über LinkedIn aufgenommen werden: www.linkedin.com

Aufnahme in die unternehmensübergreifende Community zum Thema Inklusion in der Arbeitswelt, E-Mail: commin@microsoft.com

Portal für „Inklusive Jobs für Menschen mit Behinderungen & chronischen Erkrankungen in Deutschland: https://www.myability.jobs/de

Inklusives Netzwerk iXNet der Bundesagentur für Arbeit: www.ixnet-projekt.de

Weitere nützliche Links sind:

  • www.sozialhelden.de/project/jobinklusive
  • https://inklupreneur.de/jobs
  • www.rehadat-adressen.de/inklusionsbetriebe/

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