Solveig Marie Oma kommt aus Norwegen und lebt heute in Leipzig. Ihre Neugier führte die Kirchenmusikerin zuerst in eine andere Stadt, dann in ein anderes Land. Wie es dazu kam, erzählt sie in folgendem Beitrag. Sie berichtet von ihrer freiberuflichen Arbeit und davon, wie sich aus ihrer Sicht Norwegen und Deutschland in puncto Teilhabe unterscheiden oder ähnlich sind.
Ich bin ein neugieriger Mensch und wollte schon immer andere Länder und Menschen kennenlernen. Ich komme aus Norwegen und finde Sprachen total spannend.
Ich wurde stark sehbehindert geboren, aber schon mit sieben Jahren war ich vollblind. Vollblind zu sein, ist für mich mittlerweile ganz normal.
Ich habe Kirchenmusik studiert –aus Neugier nicht wie die meisten in Oslo, sondern in Tromsø in Nordnorwegen. Dort ist eine kleine Musikhochschule. So klein, dass zum Üben immer eine Orgel frei war; und in der Stadt durfte man auch in den Kirchen spielen.
Lange habe ich davon geträumt, ein Jahr im Ausland zu verbringen. Das zu organisieren, ist viel Arbeit für eine blinde Person. Während der Studienzeit habe ich es geschafft. Zunächst habe ich von Frankreich geträumt. Da ich kein Französisch spreche, jedoch Kontakte nach Deutschland hatte, habe ich schließlich 2019 ein Auslandsjahr in Stuttgart an der dortigen Musikhochschule verbracht. Zwei Jahre vorher habe ich mit der Organisation angefangen. Es ist das größte Projekt, das ich je gestemmt habe.
In der Musik verbunden
Kirchenmusik vereint Musik und Menschen. Es geht nicht nur darum, Konzerte zu spielen und Künstlerin zu sein, sondern man ist in Gottesdiensten, auf Hochzeiten, bei Beerdigungen und in der Chorarbeit auch Helferin oder Lehrerin – das gefällt mir sehr.
Bei besonderen Anlässen wählt man die Musik gemeinsam aus. Viele sind unsicher. Ich spreche dann mit ihnen und versuche zu verstehen, was für Menschen das sind und welche Musik ihnen einen schönen Tag bereiten würde.
Im Moment habe ich keine feste Stelle, sondern arbeite freiwillig und gern freiberuflich. Manchmal spiele ich Orgel in einem Konzert oder einem Gottesdienst. Beruflich geht es bei mir jedenfalls immer um Musik und Inklusion. Seit 2021 arbeite ich in einem internationalen Team für „Daisy“, der globalen Organisation für barrierefreie Literatur. In einem Projekt zu Braillenoten teste ich zum Beispiel Programme darauf, wie sie im Musikalltag funktionieren und welche neuen Tools man entwickeln könnte.
Engagiert in Projekten
Einen Großteil meiner Arbeit widme ich einem Projekt in Norwegen: Wir arbeiten daran, das Kirchengesangsbuch barrierefrei zu gestalten.
In Deutschland habe ich das Projekt „Do it!“ mitgeleitet: Wir haben eine Website aufgebaut, auf der barrierefreie Online-Musikkurse angeboten werden. Als Testschülerin habe ich Kurse für Instrumente getestet, die ich nicht spiele, zum Beispiel Bass. Die Website mit den kostenlosen Kursen ist jetzt allen zugänglich.
Außer Orgel spiele ich Saxophon, komme jedoch im Moment nicht dazu. Ich singe auch gern, doch ich hatte viel Unterricht, um es zu lernen. Wenn Leute sagen, sie könnten nicht singen, erzähle ich, wie es bei mir war. Singen ist nichts Magisches, alle können es lernen.
Ich singe in einem Chor und übernehme ab und zu eine Chorprobe. Am liebsten arbeite ich dabei mit einem Pianisten zusammen, denn ich finde es immer noch herausfordernd, selbst zu spielen und gleichzeitig den Chor zu leiten. Ich hoffe, in Deutschland noch mehr über Chorarbeit zu lernen, weil es hier auch ein paar blinde Chorleiterinnen und -leiter gibt.
Was ich in den nächsten Jahren machen werde, weiß ich nicht genau. Unterrichten gefällt mir sehr gut. Ich habe eine Schülerin, die Braillenotenschrift bei mir lernt, vielleicht kommen noch mehr dazu. Auch Chorleitung ist ja irgendwie Unterricht. Vielleicht studiere ich auch noch Musikpädagogik, mal sehen.
Keine Förderschulen in Norwegen
Für die Herausforderungen blinder und sehbehinderter Menschen gibt es in Norwegen und in Deutschland unterschiedliche Lösungen. Manche finde ich in Norwegen besser, andere in Deutschland.
In Norwegen gibt es zum Beispiel keine Förderschulen. Alle besuchen die Regelschule. Für mich hat es bis zum Studium gut geklappt. Dann habe ich gemerkt, dass ich zu wenig in Braillenotenschrift unterrichtet worden war. Zu wenige Lehrer beherrschen sie. Ich brauche sie jedoch, um Orgel zu spielen. Man kann viel improvisieren, aber vor allem im klassischen Bereich geht es nicht ohne Noten. Ich bin ein schriftlicher Lerntyp und muss Dinge lesen, um sie gut zu lernen. Im Studium gab es deshalb große Herausforderungen. Meine Professorinnen und Professoren konnten viele meiner Fragen nicht beantworten, nicht nur zu Braillenotenschrift, auch generell zur Arbeit als blinde Musikerin.
Ich hatte eine tolle Gehörlehrerin, aber sie wusste nicht, wie sie mich bewerten sollte: Was lässt sich von einem Blatt mit Braillenoten singen und was nicht? Solche Spezialkenntnisse sind in Norwegen nur begrenzt verbreitet. Auch in Deutschland ist es nicht immer leicht, Leute mit speziellen Kenntnissen zu finden. Als Studentin war es fast ein Forschungsprojekt, Lösungen zu finden.
In Deutschland ist es leichter, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Hilfsmittel zu bekommen ist in Norwegen leichter. Es gibt nur eine Stelle, wo man sie beantragen muss, nicht viele verschiedene. Norwegen hat, so vermute ich, mehr Geld, darum ist es vielleicht einfacher, Hilfsmittel zu bekommen, Deutschland hat mehr Kompetenz, weil es mehr Menschen gibt. Vielleicht ist auch die Schulbildung in Deutschland besser, weil man die Wahl hat: Wenn es in der Regelschule nicht funktioniert, kann man eine Spezialschule oder Kurse besuchen. Bei Spezialgebieten wie Musik gibt es mehr Leute, die man fragen kann. Auch Organisationen und Gruppen beschäftigen sich mit diesen Themen.
Sehnsucht nach Alltagsassistenz
Was ich hier in Deutschland vermisse, ist Alltagsassistenz, also wenn man ein bisschen Hilfe braucht, etwa beim Kleidungskauf oder als Begleitung beim Sport. Auch in Norwegen bekommt man nicht alles, wir haben auch unsere bürokratischen Probleme. Ich hatte Glück und habe in meiner Studienzeit genügend Stunden Alltagsassistenz erhalten. Darum konnte ich so frei leben, wie ich wollte. Mit Assistenz kann man volle Gleichstellung schaffen.
Neue Menschen kennenzulernen, dauert in einer neuen Stadt wie Leipzig natürlich immer ein wenig. Bei manchen Dingen bin ich immer noch nicht richtig angekommen. Ich bin durch meinen Mann nach Leipzig gekommen und habe ein paar Bekannte über ihn kennengelernt. Nach und nach ergeben sich neue Kontakte.
Mein Ziel ist es, hier in alles hineinzufinden, so gut wie möglich Deutsch zu lernen und hier zu arbeiten. Ich bin engagiert und kann mich richtig aufregen, wenn etwas ungerecht ist. Früher war ich auch etwas politisch aktiv, im Jugendblindenverband in Norwegen.
Bei all diesen Erfahrungen, die mir meine Neugier beschert hat, hat Musik mich immer begleitet. Ich bin mit Kirche und Christentum aufgewachsen. Musik war für mich immer ein kleiner Himmelseinblick. Sie ist etwas ganz Besonderes. Was es genau ist, weiß ich nicht. Sie bedeutet mir unglaublich viel und ist auch eine Art, über Sprachen hinweg zu kommunizieren. Alle Menschen brauchen Musik, egal, ob man selbst spielt oder zuhört. Es gibt viel Trennendes, und Musik ist etwas Verbindendes.