Wenn Mandy Kugel in Schulen geht, hat sie ihren Führhund, Simulationsbrillen, Sockenklammern und vieles mehr dabei. So gerüstet, klärt sie Kinder und Jugendliche über ihren Alltag als blinde Frau und allgemein über Sehbehinderung und Blindheit auf. Berührungsängste abzubauen und Inklusion greifbar zu machen, ist ein Ziel der Schulbesuche. Das finden nicht nur die Kinder gut.
Im Alter von 20 Jahren, im Juni 2002, hatte ich einen schweren Autounfall. Ich lag lange Zeit im künstlichen Koma, hatte viele Knochenbrüche und schwere innere Verletzungen. Die Kopfverletzungen waren so schwer, dass mein Sehnerv stark beschädigt wurde. Als ich aus dem Koma erwachte, war alles schwarz. Seitdem bin ich vollblind.
Als mich im Jahr 2019 der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund (BBSB) fragte, ob ich mir vorstellen könnte, Schulbesuche zu machen, um Kinder und Jugendliche zum Thema Blindheit und Sehbehinderung aufzuklären, zögerte ich nicht lange und sagte zu. Seitdem besuche ich regelmäßig Schulen, um Berührungsängste, Vorurteile und Barrieren abzubauen.
Inklusive Gesellschaft früh fördern
Ich finde es sehr wichtig, Kinder früh über den Umgang mit blinden und sehbehinderten Menschen aufzuklären, weil das ihre soziale Entwicklung und ihr Verhalten nachhaltig prägt. Kinder, die Vielfalt kennen, schließen andere eher ein. Das unterstützt eine inklusive Gesellschaft, in der Menschen mit und ohne Behinderung selbstverständlich zusammenleben.
Kinder können konkret lernen, wie man hilft, ohne bevormundend zu sein – zum Beispiel zu fragen, bevor man hilft, oder sich klar zu äußern, statt nur zu zeigen. Ihre sozialen Kompetenzen werden gestärkt, denn der respektvolle Umgang mit blinden Menschen fördert wichtige Fähigkeiten wie Rücksichtnahme, Kommunikation und Hilfsbereitschaft.
Mit Assistenz zum Schulbesuch
Zu den Schulbesuchen für den BBSB fährt mich meistens meine Mutter. Sie begleitet mich dabei als Assistentin und unterstützt mich bei der Organisation vor Ort. Für die Schulbesuche für Pro Retina Deutschland bin ich mit einer Freundin unterwegs. Ihr Sohn ist sehbehindert, weshalb ihr das Thema ebenfalls am Herzen liegt.
Auch mein Blindenführhund ist bei den Schulbesuchen dabei. Er ist für viele Schülerinnen und Schüler ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie blinde Menschen im Alltag unterstützt werden können. Die Kinder und Jugendlichen können nicht nur Fragen stellen und mit uns ins Gespräch kommen, sondern vieles selbst ausprobieren. Bei praktischen Übungen erleben sie welche Hilfsmittel im Alltag genutzt werden. Sie dürfen zum Beispiel mit einer Dunkelbrille und einem Langstock laufen, um selbst zu erleben, wie Orientierung ohne Sehen funktionieren kann. Dadurch entsteht ein direkter, lebendiger Zugang zum Thema.
Lernen durch Ausprobieren
Die meisten meiner Schulbesuche finden in Grundschulen statt, besonders häufig in den dritten Klassen. In diesem Jahrgang ist das Thema Blindheit und Sehbehinderung häufig Teil des Lehrplans. Dadurch passt mein Besuch gut in den Unterricht: Die Kinder lernen die Inhalte nicht nur theoretisch kennen, sondern erleben sie selbst, beobachten und probieren aus.
Grundsätzlich besuchen wir jedoch alle Schulformen. So war ich zum Beispiel auch schon bei einer Kinderfeuerwehr oder in älteren Klassen. Die Themen und Schwerpunkte unterscheiden sich je nach Alter und Interesse der Gruppe. Bei der Kinderfeuerwehr steht etwa die Frage im Mittelpunkt, wie man eine blinde oder sehbehinderte Person in einer Notsituation richtig unterstützt oder rettet.
Auch Auszubildende in verschiedenen Bereichen – etwa in der Pflege oder angehende Busfahrerinnen und Busfahrer – profitieren von solchen Begegnungen. Für sie ist es wichtig zu erfahren, dass der Umgang mit blinden oder sehbehinderten Menschen manchmal etwas anders sein kann und welche kleinen Hilfestellungen den Alltag deutlich erleichtern können.
In höheren Klassen spielen zusätzlich gesellschaftliche und ethische Fragestellungen eine größere Rolle. Dann sprechen wir über Themen wie Teilhabe, Gleichberechtigung und darüber, wie ein inklusives Miteinander im Alltag gelingen kann.
Sehbehinderung im Alltag
Unsere Schulbesuche sind in der Regel in sechs große Themenbereiche gegliedert. Beim Thema „Orientierung und Mobilität – Blindheit erleben“ lernen die Kinder den Blindenführhund kennen, erfahren, wie der Langstock genutzt wird und welche Bedeutung Leitstreifen haben.
„Hilfsmittel im Alltag“ ist ein weiterer Bereich. Hierbei erfahren die Schülerinnen und Schüler beispielsweise, wie ein Farberkennungsgerät, Sockenklammern, ein Füllstandsmesser für Getränke oder Smartphones mit speziellen Apps funktionieren.
Beim Thema „Sport und Spiel“ probieren die Kinder verschiedene Spiele aus und erleben, wie kleine Anpassungen es ermöglichen, dass alle mitmachen können. Im Abschnitt „Brailleschrift lesen und verstehen“ erkläre ich, wie die Brailleschrift funktioniert und wie blinde Menschen damit lesen und schreiben.
Was Sehbehinderung bedeutet und worin der Unterschied zwischen sehbehindert und blind liegt, ist Gegenstand des Themas „Sehbehinderung und Blindheit verstehen“. Dazu können die Kinder und Jugendlichen Simulationsbrillen zu den unterschiedlichen Augenerkrankungen wie Retinitis pigmentosa oder AMD ausprobieren.
Und schließlich gibt es noch das Thema „Die eigene Augengesundheit schützen“. Wir sprechen darüber, wie wichtig ein bewusster Umgang mit den Augen ist und warum zum Beispiel Kurzsichtigkeit (Myopie) bei Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren zugenommen hat – unter anderem durch veränderte Lern-, Seh- und Freizeitgewohnheiten.
Rückmeldungen meistens positiv
Mein Blindenführhund ist das Highlight eines jeden Schulbesuches. Spannend finden die Kinder es auch immer, ihren Namen mithilfe des Braille-Alphabets zu lesen – ich schreibe ihn zuvor für jedes Kind mit meiner Braille-Schreibmaschine. Das Alphabet und eine Kurzgeschichte in Braille dürfen die Kinder mit nach Hause nehmen.
Die Rückmeldungen nach Schulbesuchen sind in der Regel sehr positiv, oft auch offen und ehrlich, wenn etwa jemand sagt: „Das hätte ich nie gedacht.“ Eine typische Reaktion ist Überraschung darüber, was blinde Menschen mithilfe von Hilfsmitteln und Tricks alles können: selbstständig unterwegs sein, Smartphones nutzen, Schule, Beruf und Hobbys meistern Das verändert oft bestehende Vorurteile. Viele Schülerinnen und Schüler äußern großen Respekt und meinen: „Ich finde es krass, wie du das machst.“
Einmal waren bei einem Schulbesuch in einer dritten Klasse auch die Eltern eingeladen. Viele von ihnen haben neue Erkenntnisse aus diesem Besuch mitgenommen und waren dankbar für die praktischen Hinweise zum Umgang mit blinden und sehbehinderten Menschen. Manche Reaktionen entstehen nämlich aus Unsicherheit, wenn das Wissen darüber fehlt, was wirklich hilfreich ist.
Mir bereitet dieses Ehrenamt große Freude, weil ich ins Gespräch mit den jungen Leuten komme. Viele sind neugierig und stellen spannende Fragen. Ich möchte Berührungsängste abbauen und Inklusion greifbar machen. Viele Kinder merken: Menschen mit Sehbehinderung sind ganz normale Menschen mit einem ganz normalen Alltag. Es macht Spaß, weil ich Menschen erreiche, etwas bewege und gleichzeitig selbst viel positive Rückmeldung bekomme.
In der Reihe „Einfach Mensch“ zeigt das ZDF einen Beitrag über Mandy Kugel. Er ist in der Mediathek abrufbar, Titel: „Mandy Kugel: Mein Einsatz für Inklusion.“