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"Irgendwas mit Menschen"

· Marie Lampe

Marie Lampe fühlte sich als Kind wie jedes andere Kind, auch wenn sie schon früh erblindete. Erst mit dem Wechsel aufs Gymnasium kam das Gefühl, ausgegrenzt zu sein. Dem Abitur folgte eine Phase des Suchens. Wohin ihr Weg sie geführt hat und warum sie sich aktuell wohlfühlt unter den Menschen, die sie umgeben, erzählt die junge Frau im folgenden Beitrag

Marie Lampe sitzt an einem Schreibtisch und bedient mit einer Hand die Tastatur, mit der anderen die Braillezeile. Sie hat gewelltes, mittellanges und mitteldunkles Haar.
Bild: Leonie Koll

Gerade befinde ich mich in den letzten Zügen meines Praktikumssemesters, das ich im Sozialreferat des DBSV absolviere. Hier unterstütze ich vor allem das Jugendprojekt offSight offTime und das Projekt Punktum. Beide Projekte weisen Schnittstellen zu meinem Alltag auf. Mit 26 Jahren zähle ich zur jungen Zielgruppe des DBSV, und ich habe auch vor meinem Praktikum schon an vielen spannenden Seminaren und Workshops des Jugendprojekts teilgenommen.

Visuelles Gedächtnis

Die Brailleschrift, um die sich im Punktum-Projekt alles dreht, begleitet mich schon fast mein ganzes Leben. Umso schöner, dass ich im Rahmen des Praktikums nun einen eigenen Braillekurs leiten darf.

Ich wurde mit dem Bloch-Sulzberger-Syndrom, einem seltenen Gendefekt, geboren. Dieser äußert sich in erster Linie durch Veränderungen der Haut, kann aber auch die Augen betreffen. In meinem Fall hat sich die Netzhaut im Kleinkindalter vollständig abgelöst. Seitdem habe ich keine Farb- oder Lichtwahrnehmung mehr. Ich habe aber nach wie vor ein visuelles Gedächtnis und stelle mir meine Umgebung in Farbe vor. Ich sage oft, dass es für mich eigentlich keinen besseren Zeitpunkt zum Erblinden hätte geben können. Einerseits konnte ich mir viele Bilder einprägen, und andererseits gehörten die Brailleschrift, das Laufen mit dem Stock und andere Techniken schon früh selbstverständlich zu meinem Alltag. Wobei ich mich mit dem Stock lange nicht anfreunden wollte.

Ich bin in einem Dorf in Ostwestfalen aufgewachsen. Die nächste Blindenschule lag mit dem Auto etwa eine Stunde entfernt. Da meine Eltern mir einen so langen Schulweg ersparen wollten und mir viel zutrauten, wurde ich in die Regelschule vor Ort eingeschult. Dafür bin ich bis heute dankbar. Ich war ein aufgewecktes, willensstarkes Kind und hatte viele Freunde und Hobbys. Meine Blindheit spielte nur eine untergeordnete Rolle; ich habe mich immer als normales Kind begriffen.

Voller Selbstzweifel

Leider änderte sich das mit dem Wechsel aufs Gymnasium. Plötzlich fand ich mich mit lauter neuen Leuten in einer neuen Klasse wieder. Meine Mitschüler und ich teilten zwar die gleichen Interessen, aber die Unterschiede zwischen uns wurden viel stärker herausgehoben und negativ ausgelegt. Zum Beispiel, dass ich eine Schulbegleitung an meiner Seite hatte, dass ich als einzige im Unterricht einen Laptop benutzen durfte und für Klausuren eine Zeitverlängerung bekam. Das machte mich angreifbar, und ich fand keinen Anschluss mehr. Und so wurde aus mir ein zurückgezogener Teenager voller Selbstzweifel.

Ein knappes Jahrzehnt später kann ich mit großer Gewissheit sagen, dass ich keinen Tag meiner Schulzeit vermisse. Ich bin zur neunten Klasse an eine Blindenschule mit Internat gewechselt und habe dort Abitur gemacht. Dieser Wechsel war ein wichtiger Schritt für meine Selbstständigkeit: Zum ersten Mal lebte ich in einer Stadt mit ÖPNV und Einkaufsmöglichkeiten vor der Tür. Aber an das Internatsleben habe ich mich nie gewöhnt, und meine Ausgrenzungserfahrung hat mich bis ins Erwachsenenalter hinein nicht losgelassen. In Gruppen fühle ich mich bis heute oft unwohl, aber dank einer Psychotherapie und dem Austausch mit anderen kann ich das inzwischen besser einordnen.

Endlich Teil einer Gemeinschaft

Auch mein Studium war mir dabei eine große Hilfe. Nach einer fünfjährigen Findungs- und Orientierungsphase, in der ich nach Dortmund, Hamburg und schließlich für ein Freiwilliges Soziales Jahr nach Berlin zog, begann ich 2023 das Studium der Sozialen Arbeit an der Humanistischen Hochschule Berlin. Sie wurde erst 2021 gegründet, und ich gehörte zur allerersten Studienkohorte, ein kleines Abenteuer für alle Seiten. Ich bin bis heute froh über diesen Schritt. Hier traf ich auf sehr offene, engagierte Mitstudierende und Mitarbeitende.

Von Tag eins an war ich endlich wieder selbstverständlich Teil einer Gemeinschaft. Durch die überschaubare Größe der Hochschule kannte ich schnell alle Wege und Namen. Eines Morgens kam ich zur Hochschule und stellte fest, dass an den Räumen plötzlich Braillebeschriftungen klebten. Und ich werde immer noch regelmäßig gefragt, was ich brauche, um hier gut studieren zu können. Das ist gelebte Inklusion!

Für Soziale Arbeit als Studienfach habe ich mich wegen der Vielfalt möglicher Berufe entschieden. Als Kind wollte ich unbedingt Bundeskanzlerin werden, dann Reitlehrerin, Musiktherapeutin, Journalistin und vieles mehr, aber „irgendwas mit Menschen“ war immer dabei. Trotzdem macht mich die Frage „Was willst du denn nach dem Studium machen?“ regelmäßig nervös. Viele unserer Dozierenden kommen aus der Praxis und haben selbst erst mit der Zeit ihre Nische gefunden, häufig durch Fortbildungen. Das ermutigt mich. Ich brauche Abwechslung und lerne unglaublich gern dazu.

Neben dem Studium arbeite ich für eine Agentur, die Clubs, Festivals und Veranstaltende dazu berät, wie sie Barrierefreiheit und Inklusion vor, auf und hinter der Bühne umsetzen können. Zu diesem Job bin ich gekommen, nachdem ich auf einem Festival über meine Erfahrungen als junge, blinde Konzertliebhaberin gesprochen habe. Davor war ich Referentin bei den Sozialhelden, einem aktivistischen Verein, für den ich inzwischen ehrenamtlich als Vorstandsmitglied tätig bin.

Marie Lampe geht mit ihrem Langstock pendelnd eine Straße entlang.
Bild: Leonie Koll

Vernetzung hat viel gebracht

Ebenfalls ehrenamtlich bin ich seit 2021 im Team der Bundesjugendvertretenden des DBSV aktiv. Der Austausch mit anderen blinden Jugendlichen war für mich immer eine große Bereicherung. Zu wissen, dass man mit manchen Problemen nicht allein ist, sich zu vernetzen und gemeinsam Dinge zu erleben, hat mir enorm viel gebracht. Deshalb freue ich mich, diese Vernetzung jetzt selbst unterstützen zu können.

Meine Freizeit verbringe ich am liebsten mit meiner Hündin Naira. Sie ist kein Blindenführhund, aber eine wichtige seelische Stütze in meinem trubeligen Alltag. Ebenso ist Musik ein großer Teil meines Lebens. Außer Konzerte zu besuchen, spiele ich Klavier, Trompete und singe, bald hoffentlich wieder in einem Chor. Mit anderen zu singen, gibt mir viel Energie. Das habe ich lange unterschätzt.

Zukunftsperspektiven

Für meine Zukunft wünsche ich mir, dass es nicht langweilig wird. Ich bin froh über die Stabilität, die ich gerade habe. Lange wusste ich nicht, wo mein Weg mich hinführt, und ich habe die ein oder andere Abzweigung genommen. Da, wo ich jetzt bin, fühle ich mich endlich wohl. Ich werde noch ein Jahr studieren, dann habe ich meinen Bachelor. Und dann? Vielleicht die vier Wochen Interrail durch Europa, die ich schon zweimal verschieben musste. Vielleicht ziehe ich doch wieder weg aus Berlin, wenn sich irgendwo eine andere, spannende Möglichkeit ergibt.

Aktuell könnte ich mir vorstellen, einen Master im Bereich Mediation und Konfliktmanagement zu machen. Aber die besten Dinge in meinem Leben haben sich bisher immer zufällig ergeben. Und so bleibe ich neugierig, engagiert und immer in Bewegung.

Marie Lampe (26) lebt in Berlin.

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