Auf der Straße, im Hotel, vor einem Geschäft: André Rabe wendet Künstliche Intelligenz, kurz KI, in vielen Situationen an. Wie und wo sie sehbehinderten und blinden Menschen nützt und welche Schwierigkeiten es noch gibt, ist auch das Thema von „Weitersehen“: Die neue Jahrespublikation des DBSV erscheint im Oktober. Rabes Artikel ist darin einer von vielen spannenden Beiträgen.
Ich bewege mich seit jeher möglichst selbstständig durch meinen Alltag. Neue Wege auszuprobieren, gehörte für mich immer dazu – zunächst ohne Technik, später zunehmend mit digitalen Hilfsmitteln.
Früh habe ich neue Entwicklungen ausprobiert. Eines der ersten Navigationsgeräte für blinde Menschen, der Trekker, eröffnete mir neue Möglichkeiten: Straßen, die ich längst kannte, bekamen plötzlich Namen. Mit Smartphones wurde es noch spannender. Seit dem iPhone nutze ich Apps, die meinen Alltag deutlich erleichtern. Seit 2013 gehören Navigationslösungen wie BlindSquare und Google Maps dazu. Heute sind vor allem Be My Eyes und ChatGPT wichtige Werkzeuge für mich.
Wenn KI mal nicht hilft
Ein Beispiel: Vor einiger Zeit stand ich vor der verschlossenen Tür meines Schuhmachers. Zunächst nutzte ich Seeing AI. Diese App wurde von Microsoft speziell für blinde und sehbehinderte Menschen entwickelt. Sie kann mithilfe der Smartphone-Kamera Texte erkennen, Gegenstände beschreiben oder kurze Informationen zur Umgebung geben. Damit konnte ich feststellen, dass ich am richtigen Geschäft war und dass es geschlossen hatte – offenbar mit geänderten Öffnungszeiten.
Da ich die genauen Öffnungszeiten wissen wollte, wechselte ich zu Be My Eyes. Die App verband ursprünglich blinde Menschen mit sehenden Helfenden, die sie über die Smartphone-Kamera bei alltäglichen Fragen unter-stützen konnten. Inzwischen verfügt sie zusätzlich über eine KI-Funktion: Man fotografiert eine Situation und erhält nach wenigen Sekunden eine Beschreibung des Bildes. Über ein Eingabefeld können anschließend weitere Fragen gestellt werden – per Tastatur oder Spracheingabe.
In diesem Fall half mir die KI jedoch nicht weiter. Sie erklärte lediglich, dass Spiegelungen auf dem Schild die Erkennung erschwerten. Konkrete Informationen zu den Öffnungszeiten erhielt ich nicht. Erst als ich mich mit einem menschlichen Helfer verbinden ließ, bekam ich schnell die benötigten Angaben.
Im Ernstfall nicht genau genug
Solche Situationen erlebe ich häufiger. Meldungen wie „Text wegen Unschärfe nicht lesbar“ helfen wenig, wenn gleichzeitig unklar bleibt, wie sich das Problem beheben lässt.
Es gibt aber auch positive Beispiele. In einem Hotel konnte ich mithilfe von KI die Klimaanlage selbstständig ausschalten.
Weniger überzeugend war ein anderer Fall: Ich wollte den Fluchtplan an meiner Zimmertür verstehen. Zwar erkannte die KI, worum es sich handelte, doch die Erklärung des Fluchtwegs war mühsam. Ich musste viele Details ergänzen, weil sie nicht richtig interpretiert wurden.
Im Ernstfall wäre das problematisch. Wenn erst fotografiert und nachgefragt werden muss, kann wertvolle Zeit verloren gehen. Hier helfen nur klare Lösungen – etwa durch Personal oder taktile Fluchtpläne.
Brillen mit KI-Systemen
Smarte Brillen wie die Ray-Ban Meta mit dem KI-Sprachassistenten Meta AI können die Umgebung beschreiben, ohne dass ein Smartphone in die Hand genommen werden muss. Sie nutzen verschiedene KI-Systeme wie Meta AI oder ChatGPT, um visuelle Informationen zugänglich zu machen.
Ich habe mich dennoch dagegen entschieden. Nicht, weil die Technik ungeeignet ist, sondern weil ich möglichst wenig zusätzliche Geräte nutzen möchte. Akkus müssen gepflegt werden, und auch das ist ein Aufwand. Außerdem habe ich mich nie daran gewöhnt, eine Brille zu tragen – und bin froh, dass ich es nicht muss.
Beim Datenschutz bin ich vergleichsweise offen: Ich teile Daten, wenn dadurch Systeme besser werden. Je mehr sie über meine Bedürfnisse wissen, desto hilfreicher können sie langfristig sein.
Fazit: KI eröffnet viele neue Möglichkeiten und kann den Alltag deutlich erleichtern. Gleichzeitig zeigen meine Erfahrungen, dass sie noch nicht in allen Situationen zuverlässig funktioniert. Oft fehlt das Verständnis dafür, welche Informationen wirklich entscheidend sind.
Das gilt auch für neue Geräte wie smarte Brillen. Sie bieten zwar praktische Ansätze, ersetzen aber nicht automatisch bewährte Lösungen und bringen eigene Herausforderungen mit sich.
Hinweise wie „Fokussieren Sie den Bereich XY“ helfen wenig – denn wer das kann, braucht die Unterstützung oft gar nicht. Entscheidend ist daher, dass KI-Systeme stärker an den tatsächlichen Bedürfnissen der Nutzenden ausgerichtet werden.
Mehr Teilhabe durch KI?
Dieser Frage geht die neue Ausgabe der DBSV-Jahrespublikation „Weitersehen“ nach. Künstliche Intelligenz (KI) beeinflusst derzeit nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche und somit auch das Leben von blinden und sehbehinderten Menschen.
Viele kennen und nutzen bereits KI-gestützte Anwendungen und Hilfsmittel. Andere verwenden Sprachmodelle wie ChatGPT für Recherchezwecke oder Bildbeschreibungen. KI kann dazu beitragen, Barrieren abzubauen, aber sie wird nicht immer den Erwartungen gerecht. Und auch KI hat ihre Grenzen. Es gibt Bereiche, in denen ihr Einsatz nicht nur für Begeisterung sorgt.
„Weitersehen“ beleuchtet das gesamte Spektrum. In einer Mischung aus persönlichen Erfahrungsberichten, Fachinterviews und Expertenmeinungen wird aufgezeigt, welche Vorteile, aber auch Herausforderungen Künstliche Intelligenz für blinde und sehbehinderte Menschen im Alltag, in der Bildung, im Arbeitsleben und in der Augenmedizin hat.