Saiman Mehra besuchte sowohl Schulen mit dem Förderschwerpunkt Sehen als auch Regelschulen. Immer wieder stand er vor neuen Herausforderungen. Die Erfahrungen, die er machte, gibt er heute weiter: Als Psychologe hilft er Studierenden, mit ihrer Behinderung gut umzugehen. Sein Herzensprojekt ist es, mit seiner Frau über Social Media viele Menschen über das Leben mit Blindheit aufzuklären und Verständnis zu wecken.
Meine erblich bedingte Sehbehinderung, Morbus Stargardt, begleitet mich seit meiner Kindheit. In der zweiten Klasse machte sie sich erstmals bemerkbar, als ich die Schrift auf der Tafel und in den Büchern nicht mehr richtig erkennen konnte. Während andere Kinder sorglos spielten, begann für mich eine Zeit voller Fragen und Unsicherheit.
Als diese Veränderungen auftraten, lebten meine Eltern mit uns Kindern in einem Flüchtlingsheim. Sie waren aus Afghanistan geflohen. Es war eine Phase, die von Schwierigkeiten und Sprachbarrieren geprägt war. Sie hatten Mühe, sich in Deutschland zurechtzufinden, und es kam die zusätzliche Belastung hinzu, dass ihre drei Kinder eine Sehbehinderung entwickelten.
Meine Schwester wurde zudem mit dem Down-Syndrom geboren, was die Situation noch herausfordernder machte. Für meine Eltern war es schwer, all das zu begreifen und anzunehmen. Kulturell war das Thema Behinderung mit Scham behaftet, sie wollten lange nicht wahrhaben, dass ihre Kinder erblinden würden.
In dieser Zeit war mein Bruder eine große Stütze. Wir haben uns gegenseitig gestärkt, besonders in Momenten, in denen uns das Verständnis von außen fehlte. Diese gegenseitige Unterstützung gab uns Kraft, die Herausforderungen anzunehmen und gemeinsam Wege zu finden und weiterzugehen.
Nach einiger Zeit wechselte ich von der Grundschule auf eine Förderschule mit dem Schwerpunkt Sehen. Dieser Schritt war von innerer Zerrissenheit begleitet. Ich wurde aus meinem gewohnten Umfeld gerissen, wusste aber, dass er notwendig war, um mit der großen Veränderung umgehen zu lernen.
In der Förderschule in Duisburg erlebte ich, wie wertvoll der Kontakt zu Mitschülerinnen und Mitschülern mit ähnlichen Einschränkungen ist. Es tat gut zu wissen, dass ich nicht allein war. Ich lernte dort viele Hilfsmittel kennen, etwa Bildschirmlesegeräte und vergrößernde Software, die mir den Schulalltag erleichterten und mir ein Stück Selbstständigkeit zurückgaben. Diese Erfahrungen zeigten mir, dass Barrieren überwindbar sind, wenn man die richtigen Werkzeuge und Menschen an seiner Seite hat.
Motivation: Anderen helfen
Nach einigen Jahren wechselte ich auf eine Realschule in Essen. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich auch in einer Regelschule bestehen kann, Seite an Seite mit sehenden Mitschülerinnen und Mitschülern. Nach der Realschule entschied ich mich bewusst, mein Abitur an einer Förderschule in Soest zu machen. Dort wählte ich den Schwerpunkt Soziales, weil ich wusste, dass ich in diesem Bereich arbeiten wollte, um Menschen zu helfen.
Im Psychologiestudium an der Ruhr-Universität Bochum wurde ich in meiner Entscheidung immer wieder bestärkt. Ich verfolgte meinen Weg konsequent und mit Leidenschaft. Ich wollte Psychotherapeut werden, um anderen Menschen zu helfen, innere Stärke und Selbstvertrauen zu entwickeln, so wie ich es selbst lernen durfte.
Mein heutiges Selbstbewusstsein war nicht von Anfang an da. In meiner Kindheit gab es viele Phasen der Trauer, Frustration und Verzweiflung. Ich habe oft geweint, gebetet und mich gefragt: „Warum ausgerechnet ich?“ Erst mit der Zeit habe ich gelernt, meine Situation zu akzeptieren und darin Sinn und Wachstum zu sehen.
Meine Sehbehinderung hat meine Berufswahl entscheidend beeinflusst. Durch eigene Erfahrungen mit Verlust, Anpassung und Veränderung habe ich früh gelernt, mit schwierigen Lebenssituationen umzugehen. Diese Erlebnisse haben in mir Werte wie Empathie, Akzeptanz, Wertschätzung und Authentizität verankert.
In meiner Arbeit als psychologischer Studienberater an der Ruhr-Universität Bochum unterstütze ich Studierende dabei, mit Belastungen umzugehen, die ihre Studierfähigkeit beeinträchtigen. Im Einzel- und Gruppencoaching helfe ich ihnen, Strategien zu entwickeln, um Prüfungsstress, Selbstzweifel oder andere Herausforderungen zu bewältigen. Ziel ist es, dass sie wieder Sicherheit gewinnen und Mut schöpfen, den eigenen Weg weiterzugehen, auch wenn er anders verläuft als geplant.
Darüber hinaus engagiere ich mich im Peer-to-Peer-Mentoring (P2P-Mentoring inklusiv). Darin werden Studierende mit eigener Behinderung unterstützt, Akzeptanz zu entwickeln und mit Doppelbelastungen umzugehen. Ich bilde dafür Studierende mit einer Behinderung aus, die auf Augenhöhe andere Studierende mit einer Beeinträchtigung begleiten. So entsteht ein inklusives Netzwerk gegenseitiger Unterstützung.
Lebensalltag als blindes Paar
Meine Frau, die ebenfalls blind ist, lernte ich während meiner Abiturzeit kennen. Heute sind wir seit über 13 Jahren ein Paar, seit 2019 verheiratet und haben 2024 ein Kind bekommen. Im Laufe der Jahre haben wir gelernt, gut mit unserer Situation umzugehen und wollten unsere Erfahrungen nutzen, um Menschen zu sensibilisieren.
Seit Ende 2024 sind wir gemeinsam auf TikTok, Instagram und YouTube unter dem Namen „Samarytime“ aktiv. Mit unseren Videos und unserer ruhigen und warmen Art zeigen wir unseren Lebensalltag als blindes Paar mit Kind. Wir möchten Menschen mit Behinderungen motivieren, positiv mit ihrer Situation umzugehen, und nichtbetroffene Menschen sensibilisieren, berühren und inspirieren. Wir möchten zeigen, was alles möglich ist, wenn man den Mut hat, seinen eigenen Weg zu gehen.
Unsere Social-Media-Arbeit ist für uns kein bloßes Hobby, sondern ein Herzensprojekt, mit dem wir Aufklärung, Verständnis und Zusammenhalt fördern möchten.
Wenn ich zurückblicke, sehe ich einen Weg voller Herausforderungen, aber auch voller Wachstum, Mut und der Kraft, immer wieder neu anzufangen. Meine Sehbehinderung hat mich geprägt, ohne mich zu definieren. Sie hat mir Werte wie Empathie, Resilienz und Authentizität geschenkt, die mein Leben und meine Arbeit bis heute prägen.
Ich habe früh gelernt, dass gute Bewältigung darin liegt, Verluste rechtzeitig zu erkennen und Hilfsmittel präventiv zu nutzen, um den Akzeptanzprozess positiv zu beeinflussen. Was für viele ältere Menschen eine große Herausforderung ist, durfte ich schon als Kind lernen: den Verlust anzunehmen und konstruktiv damit umzugehen. Diese Fähigkeit ist zu einer meiner größten Stärken geworden.
Für die Zukunft wünsche ich mir, weiterhin Menschen unterstützen zu können, sei es an der Universität, über unsere Social-Media-Kanäle oder in Coachings und Psychotherapien. Ich möchte Brücken bauen, Barrieren abbauen und Menschen ermutigen, ihre eigene Geschichte zu leben, mit all ihren Besonderheiten und Stärken. Mit meiner Frau und unserem Kind freue ich mich darauf, weiterhin für mehr Verständnis und Offenheit einzustehen und dabei selbst immer weiter zu lernen und zu wachsen.