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Mut gemacht durch das eigene Beispiel

· Bruno Etzenberger

Der Wunsch nach einer höheren Ausbildung blieb Bruno Etzenberger zunächst verwehrt, doch er ließ sich nicht davon abbringen. Beruflich und ehrenamtlich hat er sich sein Leben lang für Teilhabe eingesetzt. Er hört gern Hörbücher und gab in Österreich einen Anstoß zu Audiodeskription. Bei Sportübertragungen kommt ihm sein Engagement nun selbst zugute. Doch im Alltag gibt es immer neue Barrieren, stellt er fest.

Bruno Etzenberger sitzt in einem grauen Sessel. Er trägt ein rotes Hemd und hat die Hände gefaltet.
Bruno Etzenberger  ·  Bild: privat

Infolge von Katarakt und Glaukom war ich von Geburt an sehbehindert und bin seit meinem 19. Lebensjahr völlig blind. Aufgrund der ungünstigen Prognose absolvierte ich meine Schulzeit und Berufsausbildung zum Stenotypisten und Telefonisten im Blindeninstitut in Wien.

Mein Wunsch, ein Gymnasium in Marburg, die blista, zu besuchen, blieb leider unerfüllt. Die Lehrer der Blindenschule erklärten, dass die angebotene Berufsausbildung ausreichte, um für das Leben genug zu verdienen und man mit Abitur später keine entsprechenden Berufschancen hätte.

Schulisch wurde ich gut ausgebildet, für das Leben jedoch nicht. So war der Start in mein Berufsleben als Schreibkraft in einem Krankenhaus in Wien äußerst schwierig. Meine Aufgabe war es, Befunde auf einer elektrischen Schreibmaschine zu schreiben – ohne Kontrollmöglichkeit. Meine Augenprobleme nahmen in dieser Zeit zu. Die Hauptursache dafür waren die Umstellung vom Internat zum selbstständigen Wohnen und Erledigen des Alltags. Damals gab es nämlich noch keine Schulungen in Mobilität- und Lebenspraktischen Fähigkeiten. Durch die Anstrengungen verlor ich infolge des hohen Augendrucks mein restliches Sehvermögen.

Neustart mit dem Optacon

Mein Wunsch nach einer höheren Ausbildung blieb, und so absolvierte ich nebenberuflich ein Abendgymnasium für Berufstätige. Ich lernte oft gemeinsam mit sehenden Mitschülern. Während dieser Zeit lernte ich eine sehbehinderte Sozialarbeiterin kennen, die beim Blinden- und Sehbehindertenverband Württemberg arbeitete. Ich wusste sofort, dass dies auch mein künftiger Weg sein würde, und so absolvierte ich nach der Matura, die in Deutschland dem Abitur entspricht, die Akademie für Sozialarbeit in Wien.

Ich habe am ersten in Österreich durchgeführten Kurs zum Erlernen des Lesens mit dem Optacon teilgenommen. Ein Optacon war ein Gerät, das mithilfe einer Kamera Schwarzschrift durch Vibrationen tastbar darstellte. Durch den Kurs kam ich mit dem Bundessozialamt, vergleichbar mit dem Integrationsamt in Deutschland, in Kontakt.

Da das Bundessozialamt in dieser Zeit verstärkt Sozialarbeiter und gern Menschen, die selbst eine Behinderung hatten, aufnahm, war man an mir interessiert. So startete ich dort 1979 in eine lange erfüllte Berufstätigkeit.

Beruflich und privat viel bewirkt

Bei meinem Berufsantritt gab es bereits ein Spezialreferat für blinde und sehbehinderte Antragstellerinnen und Antragsteller, das ich übernehmen konnte. Hauptaufgabe dieses Referats war die Förderung der beruflichen Integration, zum Beispiel durch die Finanzierung von Hilfsmitteln, Schulungen und dergleichen. Um geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, gab ich den Anstoß zur Errichtung eines Rehabilitationszentrums für blinde und sehbehinderte Erwachsene. Am Konzept hierfür arbeitete ich mit. Das Zentrum wurde in Linz eingerichtet.

1981 gründeten einige blinde Menschen innerhalb des Blinden- und Sehbehindertenverbands Österreich (BSVÖ) eine „Fachgruppe Hilfsmittel“.

Diese Fachgruppe leitete ich in den ersten Jahren. Wir erreichten beispielsweise, dass im Blinden- und Sehbehindertenverband Wien Orientierungs- und Mobilitätstrainerinnen und -trainer eingestellt wurden, später auch solche für Lebenspraktische Fähigkeiten.

Ich habe mich bemüht, anderen durch den Umgang mit meiner eigenen Blindheit Mut zu machen. Ich wollte sie motivieren, Maßnahmen zu absolvieren, die zu mehr Selbstständigkeit führen, etwa in puncto Mobilität. Die Fortschritte bei den Klientinnen und Klienten miterleben zu dürfen, bestärkte mich sehr in meiner Tätigkeit.

Während und nach meiner Berufstätigkeit habe ich ehrenamtlich an Projekten mitgearbeitet. Bei der ehrenamtlichen Arbeit habe ich mich nicht an einen bestimmten Verein gehalten, sondern für meine Ideen stets Vereine oder Initiativgruppen für eine Zusammenarbeit gesucht. Aufgrund gesundheitlicher Probleme habe ich mich inzwischen aus einigen ehrenamtlichen Tätigkeiten zurückgezogen und genieße die Jahre, die mir noch bleiben.

Immer neue Barrieren

Ich habe eine sehende Tochter aus erster Ehe mit einer blinden Frau. So lernte ich die Probleme, aber auch Chancen kennen, wenn beide Elternteile blind sind. Meine Tochter hat erfolgreich Architektur studiert und arbeitet in der Kompetenzstelle für Barrierefreiheit im BSVÖ.

Ich lebe mit meiner zweiten Frau in einer Wohnung mit Garten. Meine Frau ist ebenfalls blind – kennengelernt habe ich sie in Saulgrub. Durch ihre praktische Veranlagung brauchen wir nur wenige Hilfen zur Bewältigung des Alltags.

Bruno Etzenberger sitzt an einem Fensterplatz am Computer. Er hat kurze helle Haare und trägt einen grauen Pullover.
Bruno Etzenberger am PC  ·  Bild: privat

Durch die Einsparungsmaßnahmen in letzter Zeit werden die Barrieren für uns immer zahlreicher. Es gibt zwar einige Gesetze, die dagegen wirken sollen, deren Einhaltung aber sehr lau gehandhabt wird. Haushaltsgeräte sind immer seltener für uns bedienbar, Bezahlgeräte in Geschäften oder Restaurants verfügen über einen nicht bedienbaren Touchscreen, in Supermärkten wird man häufig nicht bedient und vieles mehr. Ich denke, dass die Situation bezüglich Barrierefreiheit und Inklusion in Deutschland und Österreich ähnlich ist.

Ich höre gern Hörbücher und arbeite beim BSVÖ als Testhörer in deren Hörbücherei mit. Sportübertragungen im Fernsehen genieße ich mit Audiodeskription, am liebsten Wintersport und Fußball.

Mit Freunden in Kaffeehäusern

Zur Audiodeskription konnte ich in Österreich einen Anstoß geben. Auslöser war die Fußball-Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz. Ich wandte mich an eine Projektmitarbeiterin der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs. Wir luden Vertreter verschiedener hierfür in Frage kommender Vereine ein und gründeten eine Plattform namens „Football for all“ (Fußball für alle). Sie setzt sich bis heute für einen barrierefreien Zugang von Menschen mit Behinderung zu Sportveranstaltungen in Stadien und Sportübertragungen im Fernsehen ein.

Mit Freunden treffe ich mich gern zu gemeinsamen Aktivitäten. Wir besuchen zum Beispiel Kaffeehäuser, wozu wir hier in Wien reichlich Gelegenheit haben. Seit 30 Jahren verbringen meine Frau und ich etwa zweimal im Jahr einen entspannten Urlaub im barrierefreien Aura-Hotel in Saulgrub, um uns vom Alltag mit immer mehr Barrieren zu erholen.

Bruno Etzenberger (74) lebt in Wien.

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