Laut sein und eine Strategie haben
Intreview mit Ottmar Miles-Paul

· Ute Stephanie Mansion

Aktivist Ottmar Miles-Paul liebt Demonstrationen. Doch er weiß auch: Das reicht nicht, um die Rechte behinderter Menschen durchzusetzen. Was ihn am aktuellen Entwurf des Behindertengleichstellungsgesetzes stört und wie er dagegen vorgeht, berichtet er im Interview. Jedenfalls nicht mit Gewalt. Die spielt jedoch eine Rolle in seinen Romanen, in denen Menschen mit Behinderung für Selbstbestimmung kämpfen.

Kopf-Schulter-Portrait von Ottmar Miles-Paul: Er lächelt in die Kamera. Sein Haar ist grau, er hat eine hohe Stirn und dunkle Augenbrauen.
Aktivist Ottmar Miles-Paul  ·  Bild: Irina Tischer

Herr Miles-Paul, was haben Sie in diesem Jahr am 5. Mai vor, dem Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung?

Am 5. Mai werde ich nach Kiel fahren. Ich wäre gern in Berlin bei der Demonstration dabei, weil viele Leute da sein werden und sie in diesem Jahr hochaktuell ist wegen des Behindertengleichstellungsgesetzes. Aber meine Leseassistentin, Sabine Lohner, und ich werden eine Dunkellesung in einem Kulturzentrum machen.

Was liegt Ihnen persönlich mehr: der eher stille Protest, etwa durch kritische Artikel, oder Demonstrationen und Aktionen, über die auch die Medien berichten?

Meine Stimme gibt es her, dass ich ohne Megafon reden und laut anheizen kann. Also bin ich schon ein Demonstrationstyp. Ich halte die Leute zusammen und moderiere oft. Ich liebe Demonstrationen, doch mit der Zeit habe ich erkannt, dass laut zu sein nur ein Teil ist. Natürlich müssen wir als behinderte Menschen laut sein, damit man uns überhaupt wahrnimmt. Aber die Strategie ist wichtig, denn was nützt die lauteste Demonstration, wenn sie an dem vorbeigeht, was die Politik macht?

Im Mai stehen nun ein Gesetzgebungsverfahren und der Protesttag an. Es ist eine Verbindung zwischen „Leute auf die Straße bringen“, aber auch an die Abgeordneten zu schreiben, mit ihnen zu reden und sich zu überlegen, wie Gesetzesformulierungen aussehen könnten.

Es gibt viel Kritik am aktuellen Entwurf des Behindertengleichstellungsgesetzes, auch vom DBSV. Welche Änderungen würden Sie vorschlagen?

Wir haben lange gewartet – nun liegt ein Gesetzentwurf der Bundesregierung vor, über den der Deutsche Bundestag entscheiden muss. Das Gesetz bedarf schon lange der Überarbeitung. Wir haben Stellungnahmen abgegeben, versucht zu überzeugen und müssen nun feststellen, wie miserabel der Entwurf ist.

Ein Punkt ist, dass wir diesen unsäglichen Satz aus dem Gesetz herausbekommen, der besagt: Liebe Unternehmen, ihr müsst zwar Einzelfallmaßnahmen ergreifen, um Barrieren abzubauen, aber wir erklären pauschal vorneweg, dass alle baulichen Veränderungen und Veränderungen an Produkten und Dienstleistungen unverhältnismäßige und unbillige Belastungen sind, zu denen ihr nicht verpflichtet seid.

Das heißt: Die müssen gar nichts tun, denn das, was man von ihnen im Gesetz fordert, ist eine unverhältnismäßige und unbillige Belastung. Das ist harter Tobak.

Andreas Bethke vom DBSV hat es richtig gefasst, wenn er fragt: „Sind wir denn nur eine Bürde für die Gesellschaft?“ Wenn ich zum Beispiel jemanden bitte, mir kurz etwas vorzulesen, kann mir derjenige ins Gesicht sagen: Entschuldigung, das ist eine unbillige und unverhältnismäßige Belastung für mich.

Es tut schon weh, was alles in dem Gesetz steht. Das Wichtigste dürfte sein, dass Unternehmen verpflichtet sind, für Menschen mit Behinderung zumindest angemessene Vorkehrungen zu treffen, damit sie eine Dienstleistung oder ein Produkt gleichberechtigt in Anspruch nehmen können.

Aktuell sind rund zwölf Prozent der Menschen mit Behinderung arbeitslos. Immer weniger Unternehmen beschäftigen behinderte Menschen. Wie können Ihrer Meinung nach Arbeitgeber davon überzeugt werden, mehr oder überhaupt Menschen mit Behinderung einzustellen?

Ich bin schon seit mehr als 40 Jahren behindertenpolitisch aktiv und habe oft gehört: Wir appellieren, wir klären auf, wir zeigen euch, was geht. Aufklärung ist richtig, aber ich glaube, es braucht klare Regeln, und die müssen auch eingefordert werden.

Darum ist die Ausgleichsabgabe für Betriebe, die keine oder zu wenige Menschen mit Behinderung einstellen, ein wichtiges Instrument. Sie wurde zwar erhöht, aber das greift alles noch nicht. Traurig ist, dass die Ampelregierung beschlossen hat, für die Erhöhung der Ausgleichsabgabe das Bußgeld für Betriebe abzuschaffen, die keine Menschen mit Behinderung beschäftigen.

Es ist heftig, die Unternehmen dauernd klagen zu hören, sie hätten nicht genug Arbeitskräfte. Es gibt fast 190.000 schwerbehinderte arbeitslose Menschen, und 300.000 behinderte Menschen arbeiten in Werkstätten. Viele bewerben sich vielleicht gar nicht mehr.

Was kann also getan werden?

Unser Hilfesystem muss effektiver werden. Nehmen wir an, ich gehe zu einem Arbeitgeber, dann brauche ich einen verlässlichen Rucksack, und muss sagen können: Ich werde Assistenz am Arbeitsplatz bekommen, die mich bei behinderungsbedingten Herausforderungen unterstützt. Ich werde Hilfsmittel bekommen. Es gibt zwar einen Lohnkostenzuschuss, doch die Begutachtung dauert. Dabei sind gerade die ersten Wochen in einem neuen Job wichtig. Wenn ich einen neuen Job habe, aber keine Hilfsmittel, kann ich nicht richtig arbeiten. Wir haben in unserem System ein riesiges Problem mit den vielen verschiedenen Stellen, die zusammenarbeiten sollen. Der Rucksack mit dem, was ich an Unterstützung bekomme, müsste schon vor dem ersten Arbeitstag geschnürt sein.

Um Arbeit geht es auch in Ihren Büchern. In Ihrem ersten Roman „Zündeln an den Strukturen“ stecken drei Leute, die in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten, ihre Werkstatt in Brand. Sie hoffen, dadurch die Strukturen in Frage zu stellen und Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden. Wie kamen Sie auf die Romanidee?

Ich war in einem Gremium, in dem es um eine Studie ging. Wie viel Entgelt bekommen behinderte Menschen in der Werkstatt? Wie groß sind die Chancen, aus einer Werkstatt heraus eine Arbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden? Beide Zahlen waren miserabel. Ich hatte das Gefühl, man redet so abstrakt über Zahlen. Was ist mit den Menschen hinter diesen Zahlen, Untersuchungen und Diskussionen? Und wie wäre es, wenn wir keine Werkstatt hätten? Was könnte an Dynamik entstehen? So kam ich auf die Idee zu dem Roman.

Wie haben Menschen, die in Werkstätten arbeiten, darauf reagiert?

Wir haben an die 25 Lesungen gemacht, und es gab ganz unterschiedliche Diskussionen. Vor einer Lesung in einer Werkstatt in Bremen gab es ein Gespräch in Leichter Sprache. Ich wurde gefragt: Sie wollen unseren Arbeitsplatz abfackeln – wie würden Sie denn reagieren, wenn es Ihrer wäre? Auch von den Betreuungskräften kam erst einmal harsche Kritik. Ich habe das hingenommen, weil ein Roman auch dazu da ist, Emotionen hinauszulassen.

Wir waren schnell in der Diskussion. Die Betreuungskräfte meinten, sie vermittelten ja auch auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Als ich nach Beispielen fragte, waren das meistens solche, bei denen die Leute offiziell weiter bei der Werkstatt blieben. Die Menschen sind dann weiterhin bei ihren 200, 300, vielleicht mal 350 Euro Entgelt.

In Ihrem neuen Roman „Ich will raus“ geht es um die Lage behinderter Menschen im Jahr 2034. Darin sprengt jemand, der möchte, dass alles so bleibt, wie es ist, ein Fernsehstudio in die Luft. Irgendwie scheinen Ihre Protagonisten zu glauben, mit Gewalt Lösungen herbeiführen zu können. Glauben Sie das auch?

Ich glaube das nicht. Ich sage bei Lesungen auch: Leute, das hier ist keine Brandstifter- oder Bombenleger-Veranstaltung. Die Handlung dient dazu, bestimmte Dinge aufzugreifen. Bei den Lesungen haben wir viele Geschichten gehört. Es gab Leute, die gesagt haben: Ich fühle mich wohl in der Werkstatt. Andere haben gesagt, dass sie sich rausgekämpft haben und sich vieles für sie verändert hat.

Beim zweiten Roman habe ich einen Sprung ins Jahr 2034 gemacht. Dann wird nämlich die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland 25 Jahre lang in Kraft sein. Menschen werden älter, krank und sterben, und Geschichten gehen verloren. Im Roman geht es um die Frage: Was ist unsere Geschichte? Erzählen wir doch unsere Geschichte und die Geschichten, in denen behinderte Menschen für sich selbst und eventuell mit Unterstützung etwas bewegen konnten!

Es geht auch darum, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt – mit stärker werdenden extremen Kräften. Da kommen riesige Herausforderungen auf uns zu. Der Roman vermittelt aber auch Hoffnung.

Haben Sie die selbst auch für das Jahr 2034?

Wir werden noch das eine oder andere einstecken müssen. Deshalb ist mir das Thema Inklusion so wichtig. Je weiter wir am Rand der Gesellschaft stehen, desto weniger werden wir gesehen. Wir müssen uns sehr gut organisieren, um dagegenzuhalten. Es wird hoffentlich eine Zeit kommen, in der wir wieder mal drei Schritte vorankommen.

Ottmar Miles-Paul, geboren 1964, ist Sozialarbeiter, Publizist und Aktivist. Er ist Mitgründer und Redakteur der kobinet-Nachrichten, eines Internetportals rund um das Thema Behinderung.

Seit mehr als 40 Jahren engagiert sich Miles-Paul für die Selbstbestimmung behinderter Menschen und die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Beruflich arbeitet er beim „Netzwerk Artikel 3“, einem bundesweit tätigen Netzwerk von Gleichstellungsinitiativen.

"Zündeln an den Strukturen" und "Ich will raus"

Der erste Roman von Ottmar Miles-Paul heißt „Zündeln an den Strukturen“ und ist 2023 erschienen. Der zweite trägt den Titel „Ich will raus“ und ist dieses Jahr erschienen. Beide Romane sind als Taschenbuch und E-Book bei epubli herausgekommen.

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