Gedankenreisen in die Welt der Kunst - "Bei Anruf Kultur"
Interview mit Annika Harder, Dagmar Krause und Anja Ellenberger

· Ute Stephanie Mansion

Mit einem Kaffee in der Hand wertvolle Gemälde betrachten oder vom Krankenbett aus ein Bauwerk kennenlernen: Das alles ist möglich beim Projekt „Bei Anruf Kultur“. Ins Leben gerufen vom Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg, bietet es deutschlandweit Telefonführungen durch Ausstellungen und Orte an. Annika Harder, zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Projekts, Teilnehmerin Dagmar Krause und Kunstvermittlerin Anja Ellenberger erzählen, warum das Projekt sie so begeistert und sie hoffen, dass es weitergeht.

Annika Harder steht lächelnd mit verschränkten Armen vor der Kamera. Sie trägt eine runde Brille, einen schwarzen Rollkragen und eine blaue Jacke.
Annika Harder, BSVH  ·  Bild: BSVH / Bei Anruf Kultur

Annika Harder, wie kam es zu dem Projekt „Bei Anruf Kultur“?

Annika Harder: „Bei Anruf Kultur“ ist ein typisches Corona-Baby. Während des Lockdowns hat der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg, kurz BSVH, sich mit grauwert, Büro für Inklusion & demografiefeste Lösungen, überlegt, wie man Kultur weiterhin zugänglich machen könnte. So entstanden die ersten Telefonführungen für einige Hamburger Museen. Sie waren zunächst nur Mitgliedern des BSVH zugänglich. Das Potenzial solcher Führungen wurde jedoch schnell erkannt. Die Aktion Mensch bewilligte einen Förderantrag für das Projekt, und so kann es seit 2023 deutschlandweit angeboten werden.

Wie hat sich das Projekt dann entwickelt?

Annika Harder: Heute sind mehr als 140 Kultureinrichtungen dabei, die ihre Ausstellungen, ihre Orte und Stadtführungen für alle Menschen zugänglich machen, ohne dass diese vor Ort sein müssen. Alles läuft per Telefon. Das ist nicht nur für blinde und sehbehinderte Menschen interessant, sondern für alle, die sich nicht an einen anderen Ort bewegen wollen oder können. Es ist für alle Menschen geeignet, die Interesse an Kunst und Kultur haben.

Warum, glauben Sie, hat „Bei Anruf Kultur“ so guten Anklang gefunden?

Annika Harder: Weil es ein niedrigschwelliges Projekt ist: Man muss nirgendwohin reisen und sich noch nicht einmal online einwählen. Man kann es sich zu Hause gemütlich machen, an bestimmten Terminen die Nummer wählen und einfach zuhören. Die Führungen werden immer live von den jeweiligen Kulturorten aus angeboten, und man kann auch Fragen stellen. Dieser Austausch ist vielen wichtig. Die Menschen leben teilweise isoliert und haben keine Möglichkeit, in eine Stadt zu fahren und dort kulturelle Angebote wahrzunehmen.

Nun könnte es sein, dass das Projekt nicht weitergeht. Woran liegt das?

Annika Harder: Die Förderung der Aktion Mensch läuft Ende Oktober dieses Jahres aus. Es ist unser großes Anliegen, das Projekt fortzuführen. Wir haben seit 2023 fast 10.000 Teilnehmende gehabt. Daran merkt man, dass der Bedarf da ist. Wir sind nun auf der Suche nach neuen Fördermittelgebern.

Dagmar Krause, Sie haben schon häufig an Telefonführungen teilgenommen. Warum bereiten Ihnen die Führungen Freude?

Dagmar Krause: Ich bin neugierig auf die Welt. Ich könnte gar nicht zu den Ausstellungen fahren, die „Bei Anruf Kultur“ bietet. Die Erklärungen und Beschreibungen, die ich darüber bekomme, erweitern meinen Horizont. Ich bin mit zwölf Jahren erblindet und habe bis dahin nicht viele Ausstellungen gesehen.

Während meiner ersten Telefonführung habe ich immer überlegt, ob das wohl so stimmt, wie ich es mir vorstelle, ob das Kunstwerk tatsächlich so aussieht, wie es als Bild in meinem Kopf entsteht. Doch das ist mir inzwischen nicht mehr wichtig. Es sind meine Bilder, meine Eindrücke – und das begeistert mich an dem Projekt.

Erfahren Sie auch etwas über Kunstgeschichte oder die Künstlerinnen und Künstler?

Dagmar Krause: Ja, es wird über die Künstlerinnen und Künstler gesprochen und wie sie wohl auf die Idee zu ihrem Werk kamen. Mal geht es um alte Werke, mal um supermoderne. Es ist sehr vielfältig. Manchmal kann ich mir vorher gar nichts unter einem Titel oder unter einer abstrakten Kunstrichtung vorstellen, aber durch die Erklärungen erfahre ich, wie und wo der Künstler gelebt hat und was ihn zu seinem Werk bewogen hat. Ebenso erfahre ich, wie bestimmte Dinge in der jeweiligen Epoche gesehen wurden.

Wenn ich mich zu einer Führung angemeldet bin, mache ich es mir mit einer Tasse Kaffee gemütlich und höre zu. Das ist wie eine kurze Wellness-Massage für mich. Es verleiht mir Zufriedenheit und das Gefühl, im Geiste in eine andere Welt zu reisen. Die Führungen entspannen mich und geben mir wieder Energie.

Wohin sind Sie telefonisch am liebsten gereist?

Dagmar Krause: Das ist eine schwierige Frage. Ich habe im Laufe der Jahre an rund hundert Führungen teilgenommen. Ich war schon im Museum Barberini in Potsdam, bei den Neandertalern und in den Hamburger Deichtorhallen. Ich kann mich gar nicht entscheiden, welches die schönste Ausstellung war.

Ein Erlebnis fällt mir noch ein: Ich lag im Krankenhaus. Am Vormittag wurde ich operiert, am Nachmittag war eine Telefonführung. Ich war gerade einigermaßen wachgeworden und habe mich mit meinem Smartphone eingewählt. Meine Bettnachbarin fragte, was ich da mache. Ich antwortete: Ich besteige gerade den Hamburger Michel. Es wurde beschrieben, wie wir auf den Michel zukommen, wie er innen aussieht, der Blick von oben – es war wunderbar! Das hat mich abgelenkt von meiner OP und den Schmerzen. Es war einfach ein Genuss.

Dagmar Krause ist in Nahaufnahme vor einer farbig gestalteten Wand zu sehen. Sie trägt eine dunkle Brille und ein gemustertes Oberteil.
Dagmar Krause, langjährige Teilnehmerin · BSBH / Bei Anruf Kultur
Anja Ellenberger blickt frontal in die Kamera. Sie hat schulterlanges, leicht gewelltes Haar und trägt dunkle Kleidung.
Kulturvermittlerin Anja Ellenberger · BSBH / Bei Anruf Kultur

Anja Ellenberger, Sie haben schon viele Telefonführungen als Kunstvermittlerin gemacht. Wie gehen Sie bei Ihren Führungen vor?

Anja Ellenberger: Ich arbeite schon lange mit blinden und sehbehinderten Besucherinnen und Besuchern in der Hamburger Kunsthalle. Dadurch habe ich einen reichen Erfahrungsschatz, wie man Kunst an Menschen vermittelt, die entweder wenig oder gar nichts mehr sehen. Der Einstieg in die Telefonführungen funktionierte darum ganz gut. Nach einer kurzen Einführung beginne ich, anhand von Beschreibungen die Zusammenhänge zwischen Bildern, Skulpturen oder anderen Werken und ihrem Hintergrund zu vermitteln.

Was ist die größte Herausforderung bei solchen Führungen?

Anja Ellenberger: Ich muss den Teilnehmenden am Telefon noch mehr als im Museum die Augen ersetzen. Wenn ich sehbehinderte oder blinde Menschen durch die Hamburger Kunsthalle führe, schaue ich schon mal, wer sieht noch was und ob sich eine Frage ergibt. Das kann man manchmal an den Gesichtern ablesen. Am Telefon bekomme ich überhaupt keine Reaktion, weil ich in dem Moment, in dem ich meinen Einstieg in die Kunst gebe, die anderen nicht höre. Zwischendurch gibt es kleine Fragerunden, aber ich muss erst einmal auf gut Glück versuchen, Dinge zu beschreiben, von denen ich denke, dass sie wichtig sind, ohne zunächst zu wissen, ob die Zuhörenden damit etwas anfangen können oder nicht.

Welche Fragen stellen die Leute?

Anja Ellenberger: Manchmal kommen Nachfragen zum Visuellen, also: Sie haben gerade das und das beschrieben, wie habe ich mir das genau vorzustellen? Dann aber auch Fragen zu Zusammenhängen, weil wir in verschiedene Jahrhunderte zurückgehen oder in ein fremdes Land – das eröffnet eine andere Welt und einen anderen Denkraum. Mal kommen viele Fragen, mal gar keine.

Warum sollte das Projekt Ihrer Meinung nach weitergehen?

Anja Ellenberger: Weil es Zugänge für Menschen eröffnet, die vorübergehend oder für längere Zeit auf anderem Weg nicht in die Museen oder zu anderen Kulturorten kommen können. Es ist ein wirklich inklusives Angebot, weil man dafür nicht reisen muss. Manchmal bekomme ich, wenn ich in die Telefonate einsteige, auch mit, dass sich inzwischen Bekanntschaften geschlossen haben. Die Leute scheinen sich zu freuen, dass eine bestimmte andere Person auch wieder dabei ist und tauschen sich über die Führungen aus, die sie mitgemacht haben. Das ist einfach toll.

Dagmar Krause: Wenn es wirklich aufhören müsste, würde mir das ein ganzes Stück meiner Lebensqualität nehmen – meine Freude, meine Entspannung und die Möglichkeit, etwas mitzumachen und zu erleben. Wenn das Angebot nicht weitergehen würde, könnte ich keine Ausstellungen wahrnehmen. Ich bräuchte eine Begleitung, die mit mir dorthin fährt.

Ich komme durch die Themen der Führungen manchmal auf ganz andere Gedanken, auf Dinge, über die ich mir früher nie Gedanken gemacht habe. Das würde mir sehr fehlen, da werde ich jetzt schon traurig. Die Führungen sind ein Teil meines Alltags geworden. Ach, es wäre schön, wenn es weitergehen würde.

Annika Harder: Ich würde mich für die Teilnehmenden freuen, wenn es weiterginge, weil wir extrem gute Rückmeldungen haben, wie sehr durch die Telefonführungen die Teilhabe am Leben funktioniert. Das Projekt gibt den Menschen etwas, ohne dass sie dafür selbst etwas geben müssen. Es ist einfach zugänglich, das ist das Schöne daran. Es wäre traurig, wenn es nicht mehr stattfinden könnte.

Zurück

Weitere Beiträge

Digitale Barrierefreiheit: Beratung stärker nachgefragt

22.10.2025

Die Bundesfachstelle Barrierefreiheit verzeichnete 2024 einen deutlichen Anstieg bei den Erstberatungsanfragen.

Mehr zu: Digitale Barrierefreiheit: Beratung stärker nachgefragt

Format: Text / Schlagwort: Barrierefreiheit, Digitalisierung & Technik

Das Deckblatt vom Jahresreport 2024 der Bundesfachstelle Barrierefreiheit. Unten prangert das Logo der Knappschaft Bahn See. Das Deckblatt ist in grün-grau-weiß gehalten.

Europa: „Inklusion wird ein Prozess bleiben“

03.04.2024

Über sein jahrzehntelanges Engagement, künftige Herausforderungen in Europa und warum Menschen mit Behinderungen selbst tätig werden müssen, spricht  Wolfgang Angermann, ehemaliger Präsident der EBU.

Mehr zu: Europa: „Inklusion wird ein Prozess bleiben“

Format: Audio, Text / Schlagwort: Gesellschaft

Wolfgang Angermann hat kurzes graues Haar. Er trägt ein helles Sakko und ein dunkles Hemd und spricht, an einem Tisch sitzend, in ein Mikrofon.