Abwiegen, mischen, abschmecken und vieles mehr – beim Kochen mit Sehbehinderung sind alle Sinne gefragt. Denn besonders für sehbeeinträchtigte Menschen kann das Werken in der Küche diverse Herausforderungen mit sich bringen. Tipps und Lösungen dafür hat Maria Schüller, die Vorsitzende des Bundesverbands der Rehabilitationslehrer/-innen für Blinde und Sehbehinderte.
Vom Einkauf bis zum Verzehr: Kochen ist nicht nur ein essenzieller Prozess aus dem Bereich der Lebenspraktischen Fähigkeiten, sondern bereitet vielen Menschen große Freude. Auch wer blind oder sehbehindert ist, möchte sich eigenständig verpflegen, Familie und Freunde zum Essen einladen oder eigene Beiträge zum Grill-Buffet beisteuern. Damit das ohne oder mit wenig Sehvermögen gelingt, sind alle Sinne, passende Hilfsmittel und kluge Strategien gefragt.
Einkauf clever planen
Beim Einkauf geht es schon los: Ist man im heimischen Supermarkt gut orientiert, fällt der Einkauf nicht schwer. Aber wurde umgeräumt und der gewohnte Aufbau verändert, kann Frust aufkommen. Wer sich nicht permanent durchfragen möchte, kann sich bei Mitarbeitenden oder örtlichen Vereinen nach einer Einkaufsbegleitung erkundigen.
Auch digitale Lösungen wie Apps, Brillen, die Künstliche Intelligenz verwenden oder Hilfsmittel können beim Identifizieren der Lebensmittel helfen. An manchen Einkaufswagen gibt es auch Lupen – wenn diese aber nicht ausreichen, müssen eigene Hilfsmittel mit in den Laden genommen werden. Zum Vergrößern können auch Lupen-Apps genutzt werden oder ein herangezoomtes Smartphone-Foto.
Eine Struktur in der Einkaufsliste ist ebenfalls sinnvoll – baut man sich seine Einkaufsliste nach dem Aufbau des Ladens auf, vermeidet man anstrengendes Hin- und Herlaufen. Bei Unsicherheiten rund um Haltbarkeitsdaten, Allergene oder Zusatzstoffe können Mitarbeitende oder andere Kundinnen und Kunden gefragt werden. Unterstützung gibt es außerdem durch Apps wie Seeing AI oder Be My Eyes. Es können beispielsweise Fotos von der Verpackung gemacht und von der KI vorgelesen werden. Alternativ können auch sehende Personen per Videoanruf helfen.
Ordnung und Struktur schaffen Erleichterung
Zu Hause geht es dann ans Einräumen. Kontinuität in der Ordnung ist hier das Stichwort – insbesondere, wenn noch andere Personen mit im Haushalt leben. Mitbewohnerinnen und Mitbewohner sollten darauf hingewiesen werden, dass für eine sehbehinderte Person Ordnung das halbe Leben ist. Man muss seinen Worten nicht mit dem Nudelholz Nachdruck verleihen, darf aber resolut auf seine Ordnung bestehen.
Markierungen, Beschriftungen und ähnliche Strukturierungen gehören ebenfalls zur Ordnung dazu. Lebensmittel lassen sich mit farbigem Klebeband, mit durch Braille beschriftete Dymobänder, mit flexiblen Gummibändern mit taktilen Symbolen oder sprechenden Etiketten gut kennzeichnen. Schubladeneinsätze oder Gummimatten verhindern wiederum ein Verrutschen und Durcheinandergeraten von Zutaten.
Zwischen Kochtopf, Messern und Schneidebrett
Beim Kochen selbst sind im besten Fall alle Arbeitsbereiche in der Küche frei zugänglich, gut beleuchtet und kontrastreich gestaltet. Mit frei zugänglich ist gemeint, dass keine unnötigen Gegenstände im Arbeitsbereich stehen und dass ein Wechsel zwischen verschiedenen Arbeitsflächen ohne Hindernisse möglich ist. Im Bereich Kontraste lassen sich zum Beispiel helle Lebensmittel oft besser auf einem dunklen Brett schneiden oder in einer dunklen Schüssel mischen. Die Wahl der Beleuchtung ist individuell, aber kleine mobile Leuchten können hier schon eine Erleichterung schaffen.
Beim Kochen und Backen selbst geht es um eine sinnvolle Arbeitsplatzorganisation. Hilfreich ist zum Beispiel ein sogenanntes Organisationskörbchen – eine einfache, rechteckige Schale, in der sämtliches Kleinwerkzeug wie Messer, Schäler und benutztes Besteck abgelegt werden kann und damit nicht auf dem Tisch hin- und her rutscht. Durch einen „Arbeitsteller“, auf dem neben dem Herd die Kochutensilien abgelegt werden können, kann das Werkzeug wieder schnell greifbar sein.
Helfer und Hilfsmittel in der Küche
Spezielle Dosierhilfen wie taktile Messbecher oder Dosierlöffel sind sinnvolle Alltagshelfer, ebenso Faltbretter und Kräuterscheren, Silikonfaltsiebe als Topfeinsatz oder Abgießhilfen. Zum Platzieren auf der Herdplatte gibt es spezielle Schablonen, und Markierungspunkte an Knöpfen und Drehreglern sind ebenso hilfreich wie Schablonen oder Markierungen auf Touchscreens.
Nicht immer müssen die Webseiten der gängigen Hilfsmittelversanddienste durchstöbert werden – auch in Haushaltsläden finden sich schöne Alltagshelfer.
Natürlich gibt es auch die spezifischen Hilfsmittel wie akustische Füllstandsanzeiger, sprechende Waagen oder sprechende Heißluftfritteusen – die Technik entwickelt sich ständig weiter.
Vergrößerungssysteme sollen nicht unerwähnt bleiben, denn in den meisten Kochbüchern sind Rezepte oft nur in kleiner Schrift gedruckt. Alternativ lassen sich Rezepte auch per Sprachausgabe vorlesen. Sucht man sich seine Rezepte lieber im Internet, sollte man vergleichen: Werbung, fehlende Barrierefreiheit oder ein unstrukturierter Aufbau können es schwer machen, Rezepten zu folgen. Die Anpassung von Rezepten ist ebenfalls sinnvoll: wenn es der eigenen Arbeitsweise entgegenkommt, warum nicht Schritt 3 zuerst erledigen?
Der Sehbehindertentag dieses Jahres war ebenfalls dem Thema Kochen gewidmet. Viele Tipps in verschiedenen Formaten finden sich online.